Heute fährt die 18 bis nach Istanbul!

Leider muss ich sagen: Es überrascht mich nicht im Geringsten, dass nur in Dresden – und nur in Dresden – Dönerläden nach dem Spiel gestern überfallen wurden. Zum Einen liegt es daran, dass in Schöna, Mittweida oder Königstein einfach keine Türken leben, deren Läden man auseinandernehmen könnte; zum Anderen aber daran, dass es in Dresden gewachsene Strukturen gibt, die ich so aus meiner kleinen, bescheidenen Heimatstadt in der Provinz nicht kenne – obwohl Oldenburg als eine der Hochburgen der NPD in Niedersachsen gilt (allerdings wohl eher, was das Organisatorische angeht) und der Ausländeranteil vergleichbar gering ist.

Die Presse ist einerseits beachtlich, aber wenn man sich erinnert, wie die Inderhatz von Mügeln die Agenda bestimmt hat, kann man sich doch fragen, ob da nicht die Freude über die Finalteilnahme etwas Trauriges verdeckt: Das Dresden spätestens mit dieser Tat seine letzte multikulturelle und linke Bastion verloren hat.

Ein paar Hintergründe, die vielleicht begreiflich machen, was über ein paar Fensterscheiben hinaus noch alles in Scherben ging; denn die Dresdner Neustadt ist nicht irgendein Viertel in Dresden, es ist DAS Viertel – und die Alaunstraße ist die Hauptstraße des Dresdner Nachtlebens. Höchstens die Straße E hat noch eine vergleichbare Anziehungskraft. Die Neustadt ist links, die Neustadt ist multikulturell, die Neustadt ist alternativ. Aber wie das eben so ist mit Kneipenvierteln: Man kann sich die Kundschaft nicht aussuchen. Und gerade wenn ein Massenereignis, dazu noch bei voraussichtlich schlechtem Wetter stattfindet, kommen auch Leute, die die Neustadt eigentlich verachten, aber die gute Stimmung genießen wollen.

Und darum ist es mir zu kurz gegriffen, wenn das indyteam dd in seinem Artikel die Bewohner der Neustadt als die „so genannten Alternative“ diffamiert – denn auf den Straßen waren nur wenige Bewohner und viele, die wie ich nur zum Party machen in die Neustadt kommen. Diejenigen, die die Attentäter unterstützten, sind keine Nachbarn – aber sie haben die Oberhand gewonnen. Und das ist das Grausame; wie soll man sich noch darauf verlassen können, dass es in Dresden zumindest einen Ort gibt, an dem Hautfarbe und Herkunft keine Rolle spielt? Nicht, dass ich jetzt Angst hätte, bei meinem Lieblinsdönerladen – das unvergleichliche Dürum Kebap Haus, so viel Werbung sei erlaubt – der zum Glück verschont blieb, zu sitzen und ein Lahmacun zu essen oder noch einmal Aufatme, weil ich durch Zufall doch nicht wie geplant dort die Partie gesehen habe – aber es macht mich traurig, dass sich eines in Dresden immer mehr bewahrheitet: Hier regieren die SG Dynamo Hooligans!

Gerade, wenn man sich dies bewusst macht, sollte auch klar werden, warum der Hass auf die untätig Herumstehenden gerade von Leuten, die die Dresdner Verhältnisse nicht kennen, etwas zu kurz gegriffen ist; ich distanziere mich davon, Leute verteidigen zu wollen, die türkische Flaggen verbrennen und dabei skandieren, dieses Land zu zu hassen; ich distanziere mich davon, aufmunterndes Gejohle kleinzureden; ich halte das Fernbleiben der Polizei für geschlagene 30 Minuten für den allergrößten Skandal; aber ich will Leute wie mich auch in Schutz nehmen – ich würde mich niemals einer Schar von 30 Hooligans in den Weg stellen (Hooligans und Nazis haben hier mehr als nur vereinzelte Schnittstellen, genauso wie mit den Skins – auch wenn Klaus Farin das nicht wahrhaben will!). Was mit dem einzigen Zuschauer, der eingegriffen hat, passiert ist, spricht Bände. Hier gibt es ein Foto und auch einen sehr guten Bericht über den Vorfall von der Dresdner Antifa-Gruppe. Gespendet habe ich auch schon – das ist das Mindeste was ich tun kann.

Was wollte ich mit diesem Text jetzt sagen? Eigentlich nur, dass wir in Dresden ein Naziproblem haben – und selbst die Neustadt keine Insel der Seligen mehr ist…

Ein paar gute Artikel zum Thema, die über die Agenturmeldung hinausgehen, gibt es vom ZDF und von der ZEIT. Und zu guter Letzt noch einen Artikel als Beweis, dass die Indymedia auch gewisse journalistische Standards einhalten kann…

10 Antworten to “Heute fährt die 18 bis nach Istanbul!”

  1. Sehr guter, interessanter Artikel. Aber auf indymedia kriege ich immer ein wenig Angst vor den Kommentatoren.

  2. Astrid Says:

    Und woher weißt du, dass es sich um Hooligans gehandelt hat? Die waren alle vermummt und die Polizei hat bisher keine Anhaltspunkte für irgendetwas.

    Die Verwüstung von Ladeneinrichtungen gehört übrigens auch in der Bereich Organisierte Kriminalität (genauer Schutzgelderpressung). Kommt leider sehr häufig vor, wie aktuell auch in Berlin:

    „Bei einem Angriff auf einen Imbiss an der Prinzenallee in Gesundbrunnen sind in der Nacht zu gestern drei Männer verletzt worden. Der Polizeiliche Staatsschutz hat die Ermittlungen übernommen – es wird nicht ausgeschlossen, dass es sich bei den Tätern um Geldeintreiber der verbotenen PKK handelt.“ Quelle: http://www.morgenpost.de/berlin/article633969/Geldeintreiber_verwuesten_Doener_Imbiss.html

  3. Wenn 20 vermummte Leute von… nennen wir es „kaukasischer Abstammung“, beim Spiel Deutschland gegen die Türkei eine Dönerbude überfallen, dann mag dahinter die PKK stecken – aber es würde mich überraschen, gerade in einer Stadt, dei nicht nur ein kleines Problem mit Rechtsaußen hat und obendrein einen Ausländeranteil von knapp 5%, die dazu noch zum großen Teil Vietnamnesen, Polen und Chinesen sind. Sicher, ich kann nicht beweisen, dass da Fans von Dynamo Dresden hinterstecken, aber ich muss doch nur Eins und Eins zusammenzählen – wir leben in einer Stadt mit einem der größten Vereine mit stramm rechter Fankultur, es steigt DAS Symbolspiel für die Deutsche Rechte und wir haben eine große Menschenmenge, die den Überfall mitkriegen wird; wer soll es sonst sein? Eine Verschwörung von Fans des SC Borea?

  4. Astrid Says:

    Vielleicht ist das alles nicht so eindeutig wie die Medien das gerne hätten. Allgemein gibt es in Dresden auch eine große Gruppe von antinationalen Autonomen, die sich selbstverständlich auch gegen türkischen Nationalismus richten und für die SO ein Spiel ideal ist.

    Oder mal andersrum:

    „Am 15. Juni griffen türkische Nationalisten und Fußball-Hooligans einen Dönerladen am Freiburger Hauptbahnhof an und warfen Steine und Flaschen auf das kurdische Geschäft. Als Reaktion auf den Angriff wurde ein Türke durch einen Messerwurf schwer verletzt. Die Bullen erwarten beim nächsten EM-Spiel der Türkei am Freitag, den 20. Juni, weitere Angriffe.“

    http://www.autonome-antifa.org/spip.php?page=antifa&id_breve=1523&design=2

    Alles nicht so einfach; auch wenn man es gerne einfach hätte.

  5. Tötsch Says:

    Ehrlich gesagt muss ich dich jetzt kritisieren Mugo.

    Ich mag nicht bezweifeln, dass es am Ende Nazis waren.
    Auch dass sie von Dynamo waren, glaub ich gerne, nur der unterschied ist halt, dass du es glaubst.

    Du weisst es nicht, und gehst fest davon aus, als ob du Gewissheit hättest.

    Letztendlich weisst du nichts über die Motive der Täter, denn noch ist da so weit ich informiert bin nichts bewiesen.

  6. @Astrid:

    Aber die antinationalen Autonomen haben nichts gegen deutschen Nationalismus? Und planen keine Blitzaktionen im Rahmen der großen Public Viewing-Veranstaltungen? Mit Deutschland-Flaggen zerreißen, Leute mit Deutschland-Trikot und bemalten Wangen anrempeln und ein bisschen Remmidemmi in den Elbwiesen? Den fällt nichts besseres ein, als einen türkischen Dönerladen zu überfallen? Wo doch klar ist, dass dies als Angriff von Rechtsextremen gewertet wird und nicht als Aktion gegen Nationalismus? Wow, Eins A Propaganda in eigener Sache!

    @Tötsch:

    Ja, ich glaube es nur und ja, darum bin ich auch angreifbar. Das Problem ist nur, dass ich seitdem ich in Dresden lebe damit konfrontiert worden bin, dass hier eine Gewaltkultur einfach ignoriert oder toleriert wird. Natürlich hat das alles nichts zwangsläufig mit Dynamo zu tun – aber wieso ist jedes gottverdammte Arsch, das hier wegen Gewaltdelikten und/oder rechtsextremen Taten verurteilt wird, Dynamo-Fan? Ich sehe da einen Zusammenhang zu Landesligapartien, zu deren Absicherung mehrere Hundertschaften gebraucht werden, weil die Fans mal eben den Hauptbahnhof auseinandernehmen und die S-Bahnen deswegen eine Station vorher enden. Die Jungs müssen halt mal ihren Dampf ablassen! Komisch nur, dass es in Städten wie Frankfurt oder Bochum nie so krass abgeht – und keine Dönerläden überfallen werden. Und dort leben um einiges mehr Türken und Kurden als in Dresden…

  7. Nachtrag an Beide:

    Wenn ich doch ach so falsch liege (bzw. mir nicht sicher sein kann), wieso wusste die Dresdner Polizei dann, dass es sich bei den mutmaßlichen Tätern um gewaltbereite Personen handelt? Weil sie polizeilich bekannt sein müssen!

    Darum könnten es immer noch Autonome sein – aber hätte sich die Polizei dann nicht längst bemüht, die klarzustellen, um den Imageschaden von Dresden abzuwenden (das ist ja anscheinend das einzige Problem, das man hier in rechtsextremen Gewalttaten sieht; und da es ja für eine gehalten wird in der deutschen Presse…)? Und wieso wird das Ganze dann nicht als linksextreme Straftat behandelt? Ist die Dresdner Polizei auf dem linken Auge blind?

  8. was ich in den medien, also offiziellen fernsehsendern grob gesagt, vermisst habe sind eben solche geschehnisse, die jeder erwartet hat. stattdessen wurden nur wiederholt diesselben autofahrer mit 2 fahnen am auto gezeigt. und wie friedlich das alles doch abgelaufen sei, sich türken auch tatsächlich deutsch fühlen würden und natürlich alle gemeinsam sich über deutschlands sieg freuen..

  9. Aber wenn’s doch die PKK war – oder die Kroaten-Mafia…^^

  10. ich wars.. verkleidet als 20 mann. ich wusste, irgendwer wird irgendwann irgendwo irgendwie schon verdacht schöpfen

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