Dresden

Fragt mich nicht, was mich reitet, aber ich veröffentliche jetzt einfach mal wieder einen Post. Ich werde nicht über das berichten, was in den letzten Wochen war (unter anderem ein Rainald-Grebe-Konzert und eine Exkursion nach Frankfurt) und schon gar nicht werde ich mich darüber auslassen, dass ich gestern anscheinend meinen Fahrradschlüssel verloren habe und nun mein Rad nicht mehr aufschließen kann. Nein, nein, darum soll es alles nicht gehen.

Obwohl der Fahrradschlüssel indirekt schon was mit dem Thema zu tun hat – denn wenn mich eins an Dresden aufregt, dann die totale Ignoranz gegenüber Fahrradfahrern oder – fast eine noch verwerflichere Fortbewegungsart – Fußgängern. Aber der Reihe nach, denn heute werde ich mich nach einem Dreivierteljahr in Dresden ein bisschen mit meiner neuen Heimat auseinandersetzen…

Dresden also. Gleich vorneweg: Dresden ist eine unheimlich geile Stadt zum Leben und die prosperierendste Stadt Ostdeutschlands (sie wächst, hat eine sehr hohe Lebensqualität und hat beim letzten Städteranking, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit der größten deutschen Städte verglichen hat, den fünften Platz belegt) – mit anderen Worten: Hier kann man es aushalten. Ich könnte jeden Tag auf eine andere Party oder ein anderes Konzert gehen. Sogar internationale Stars, die in Norddeutschland allenfalls mal in Hamburg oder Hannover auftreten, kommen vorbei, obwohl Leipzig zentraler liegt; nicht, dass ich jetzt unbedingt für 80 Euro zu Nelly Furtado oder REM gehen wollte. Aber ich könnte es – und das zählt.

Die Uni ist eine der besten TUs in Deutschland und ein absoluter Geheimtipp in den Alten Bundesländern (3% Wessiquote – die größte in Sachsen. Allerdings kann es auch sein, dass ich inzwischen auch als Ossi gelte, weil mein Hauptwohnsitz Dresden ist…); das kulturelle Leben ist echt atemberaubend, das Nachtleben bietet alles was man braucht – in Oldenburg wechselte man zwischen den drei Locations, die einem zugesagt haben, hier muss man sich halt für eine von zwanzig guten Möglichkeiten, seinen Abend zu verbringen, entscheiden. Die TU bietet ihren Studenten knapp 100 Sportkurse an, an jeder Ecke entstehen neue Einkaufszentren und anscheinend gibt es auch immer noch Läden, die einziehen wollen. Die Sächsische Schweiz ist halbstündlich mit der S-Bahn erreichbar und auch wenn es mir als halbem Allgäuer schwerfällt, dies zu sagen: Nirgendwo kann Deutschland schöner sein als auf den Kilometern zwischen Pirna und Schöna an der Tschechischen Grenze. Beim eigentlich immer herrschenden guten Wetter auf die Schrammsteine wandern oder selbst die überlaufene Bastei toppt alles!

Aber wie jedes Gute gibt es auch bei Dresden ein Aber. Oder auch zwei oder drei. Sie sind nicht entscheidend, dass ich deswegen einen schlechten Eindruck von Dresden habe oder gar wegziehen möchte, oh nein, das sicher nicht, aber sie trüben halt doch den guten Eindruck, den man am Anfang bekommt.

Am Schlimmsten finde ich sicherlich die eigene Nabelschau verbunden mit der gleichzeitigen Provenzialität. Wie gesagt, ich verdamme Dresden deswegen nicht, aber es ist schon schlimm, wenn man immer mal wieder feststellt, dass man als ehemaliger Bewohner einer Stadt mit 150.000 Einwohnern den einen oder anderen Bewohner einer Halbmillionen-Stadt an Weltläufigkeit und Offenheit übertrumpft. Ich will ja gar nicht ausschließen, dass es auch an meinem persönlichen Hintergrund liegt, der mich zwar noch nicht sehr häufig, aber doch regelmäßig in die weite Welt getragen hat. Oder auch einfach daran, dass es für mich nie in Frage gekommen wäre, in Oldenburg zu studieren, gerade WEIL ich dort aufgewachsen bin. Aber man muss manchmal wirklich die Augen verdrehen, wenn die Dresdner gerade wieder feststellen, dass die Welt hinter der Stadtgrenze weitergeht. Zugegeben, ich bin zum Esser erzogen worden und Gnocchi muss man wirklich nicht kennen, aber dass man mit 19 Jahren noch nicht von Tofu gehört hat, finde ich schon krass. Nicht noch nie gegessen, einfach noch nie gehört, dass es so etwas gibt. Immerhin hatte es den Vorteil, dass besagter Freund (ein herzensguter Mensch, der einem das Studium durch seine reine Anwesenheit versüßt) wenigstens vorurteilsfrei an Tofu ranging; dennoch muss ich da innerlich schon ziemlich die Augenbrauen zusammenziehen.

Klar, Köln muss schlimmer sein – schließlich wissen dort doppelt so viele Menschen nur deswegen, dass man auch außerhalb von Köln leben kann, weil sie die Existenz der Düsseldorfer nicht leugnen können. Aber in Köln lebe ich nicht. Nun gut, vielleicht mag es an der Größe liegen, dass man als gebildete Mittelstadtjugend automatisch seinen Horizont erweitern muss, während es in Dresden keinen Ansporn gibt, sich mit anderen zu beschäftigen, da man immer seine Nische findet. In Oldenburg ging das nicht – gewisse Gelüste konnte man eben nur in Bremen oder gar Hamburg stillen. Mit anderen Worten: Es ging nicht darum, was denn die anderen in der Stadt so machen, sondern darum, was es denn in anderen Städten so gibt. Oldenburg ist eine tolle Stadt zum Aufwachsen, da sie ruhig und bürgerlich ist und groß genug, um einen nicht vor Langeweile sterben zu lassen – aber kaum jemand aus meinem Jahrgang ist freiwillig nach der Schule in Oldenburg geblieben; die Stadt kann einem nach ein paar Jahren einfach nichts mehr bieten. Man kennt sich, man kennt die Locations, man kennt die Rituale. Wie anders ist dagegen Dresden! Hier gibt es alles: Das Alternativviertel genauso wie die biederen Wohnblocks aus den Fünfzigern, die Technoclubs genauso wie die Indiediscos und die Schwulenbars genauso wie das Vereinsheim der SG Dynamo Hooligans – sag mir deine Subkultur und wir finden für dich ein lauschiges Plätzchen. Es gibt einfach keinen Grund, auszubrechen – auch deswegen, weil immer wieder genug neue Leute dazu kommen, die die Szene im Gang halten.

Aber eben nicht genug Leute von außerhalb. Als ich letztens zum ersten Mal in Frankfurt war, wurde ich geradezu erschlagen von dem, was mir in Dresden fehlt – Weltläufigkeit. Nicht nur, dass es Ausländer in Frankfurt gibt, nein, die ganze Stadt war dynamisch und nicht behäbig wie Dresden. Dresden boomt, keine Frage, aber man bekommt davon in der Stadt nichts mit – in Frankfurt merkt man es dagegen, zumindest in den Stadtteilen, die ich gesehen habe. Überhaupt frage ich mich immer wieder, wie es sein kann, dass nur Aufgrund der Tatsache, dass München, Frankfurt und Hamburg Drehscheiben des weltweiten Handels sind und damit automatisch mit anderen Kulturen in Berührung kommen, die Städte, zumindest in ihren Zentren, extrem dynamisch, weltoffen und, ja, cool sind.

[Einzug: Ja, Berlin ist auch dynamisch, aber auf eine andere Art. Ich wage zu behaupten, dass dies an der etwas anderen Konstellation liegt. Während die drei anderen deutschen Zentren durch den Handel international verknüpft sind, lebt Berlin davon, dass es der Magnet für all die Kleinstädter ist, die so wie ich aufgewachsen sind. Eben dynamische, junge, interessierte Leute, die in ihrer Heimat keine Perspektive gesehen haben – und die drehen sich, wie ich gerade eben dargestellt habe, nicht nur um sich selbst, sondern schreien geradezu nach Input. Das ist lebendig, auf jeden Fall, und zieht auch Leute aus dem Ausland an – aber es ist nicht die selbe Dynamik wie in den drei westdeutschen Metropolen.]

Ein kleines Beispiel, um den Unterschied vielleicht deutlich zu machen: Mir sind in Deutschland noch nie so viele Schwarze über den Weg gelaufen wie in Frankfurt – in Dresden war es heute für die beiden Mädchen an der Straßenbahnhaltestelle schon einen Kommentar wert, dass da gerade ein „Neger“ vorbei geht. Übrigens noch so ein Unterschied: Besonders sensibel im Umgang mit rechtem Gedankengut und vor allem Wörtern (wie in diesem Fall) ist man hier nicht. Warum wir Wessis Vietnamnesen nicht „Fidschis“ nennen, scheint nicht jedem wirklich einzuleuchten – genausowenig, wieso ich mich von Thor-Steinar-Jacken distanziere…

So, das ist jetzt länger geworden als geplant, aber ich wollte das schon länger loswerden. Das mit den Fahrrädern verkneife ich mir jetzt doch für ein anderes Mal, denn es würde jetzt etwas komisch wirken, nach diesem soziophilosophischen Wust noch darüber zu meckern, dass in dieser Stadt niemand an Radfahrer denkt. Und falls ich es nicht mehr schaffe, vor Mittwoch was dazu zu posten: Das Ärzte-Konzert wird geil! Unter Garantie, sind schließlich Die Ärzte!

7 Antworten to “Dresden”

  1. Obs da auch meine Nische gibt? Irgendwie klingt das wirklich cool… vermutlich weil du das schreibst.

    Und vermutlich weil es nicht Stuttgart ist…

  2. Argh, in letzter Zeit vergesse ich immer wieder, den Kommentar auch abzusenden!

    Also, was wollte ich dir mit auf den Weg geben? Achso, ja: Garantiert wird es zwischen Erotic Car Wash und der Frauenkirche auch ein nettes Dominastudio geben. Sexshops gibt es auf jeden Fall schon mal genug – der größte kann sich sogar eine Straßenbahnwerbung leisten…

  3. Naja, was das Fahrradfahren angeht, Tocotronic ins Ohr und ab gehts – dann stirbst Du jung, aber glücklich.
    Dresden klingt zumindest wohl für einen Urlaub ganz interessant, und eine Schlafmöglichkeit würde sich wohl finden *winkwink*

  4. Echt, du kennst jemanden in Dresden? Kannst du mir mal die Adresse geben? Vielleicht ist das ja ein schönes Mädchen…

  5. Nö, ich dachte ich schmarotze mich dann bei Dir durch. Bring dann auch schönes Rothäuser Tannenzäpfle mit ^^

  6. Hätte wohl doch nicht auf die Dächer verzichten sollen…^^

    Ja klar, komm vorbei, bring Tannenzäpfle mit, dafür kriegst du dann Eibauer oder Freiberger.

  7. […] Entwicklungsland. Jetzt bin ich aber auf den Blog MuGo gestoßen bzw. gestoßen worden. In einem interessanten Artikel namens “Dresden” beschäftigt sich der Autor mit den Stärken und Schwächen unserer schönen […]

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