Dreizehn Jahre Warten haben sich gelohnt

Zwei Wochen des zweiten Semesters sind bereits um und dank des letzten Wochenendes habe ich auch wieder mein Vertrauen in mein naturwissenschaftliches Können zurückgewonnen. Dank meines patentierten neuen Übungssystem (wenn man jeden Tag eine Aufgabe macht, sind es am Wochenende nicht mehr so viele und man sitzt nicht missmutig vor einem Riesenberg – wahrscheinlich bin ich der Erste, dem diese neuartige Erkenntnis kam) werde ich es irgendwie schaffen, Technische Mechanik und Mathe zu überstehen. Info und Raum- und Verkehrsplanung sind auf jeden Fall zu packen und mehr Klausuren gibt es dieses Semester nicht (dafür die beiden nächsten jeweils sieben oder acht – um wohl auch noch die letzten verbliebenen Studenten endgültig zu kicken. Kein Wunder, dass bei uns die Faustregel „Wer das Vordiplom hat, hat das Diplom schon bestanden“ gilt: Um das Grundstudium zu bestehen musst du schon so organisiert sein, dass dir die restlichen vier Vorlesungssemester auch nichts mehr anhaben können…).

Wofür schreibe ich das jetzt gerade alles, obwohl meine Leserschaft nachweislich mehr daran interessiert ist, sich primäre Geschlechtsorgane von Doppel-X-Chromosomistinnen nachzubauen als an Verkehrsmodellierungen und den Geheimnissen der Partialbruchzerlegung zur Lösung von unbestimmten Integralen? Zum Einen um mich dafür zu entschuldigen, warum es jetzt wieder länger dauern wird zwischen den einzelnen Blogeinträgen, zum Anderen, weil ich trotzdem auf eine seltsame Art und Weise angekommen bin.

Es ist seltsam, dies zu sagen, aber Uni ist geil! Denn im Gegensatz zur Schule wird man hier ERNST GENOMMEN! Es interessiert niemanden, ob ich zu einer Vorlesung gehe oder nicht, ob ich in dieser lese und Rätsel löse oder gespannt zuhöre, ob ich das Angebot nutze und in Übungen gehe oder doch lieber die freie Zeit für andere Tätigkeiten nutze. Es wird einfach davon ausgegangen, dass ich als erwachsener Mensch schon wissen werde, was ich mache. Das hat mir in der Schule immer gefehlt. Erst in der Oberstufe hatte ich (faktisch) die Freiheit, selber zu bestimmen, wann ich fehle und wann nicht, weil ich meine eigenen Entschuldigungen schreiben konnte. Und das war es dann auch schon. Mein Stundenplan war vorgegeben (obwohl es bei uns ja noch ging, wir konnten wenigstens ein bisschen mit den Stundenplänen der anderen Gymnasien herumspielen), Anwesenheitspflicht gab es auch (30%-Regel) und dazu waren es Vorlesungen und Übungen in einem.

Heute dagegen kann ich mir meinen Stundenplan wenn auch nicht vollkommen frei zusammenstellen (schließlich werden in den Ingenieurswissenschaften die Vorlesungen aufeinander abgestimmt) doch immerhin verbessern. Dienstags in der ersten Info-Übung? Nie im Leben! Dafür gehe ich lieber um 16.40 Uhr in die Physikübung, in die sonst kein anderer geht, weil sie so spät ist. Alle zwei Wochen habe ich Mittwochs in der 5. Doppelstunde frei? Dann gucke ich mir doch die Vorlesung „Ernährungsgeschichte der Moderne“ an – Studium Generale macht es möglich, dass man auch in andere Fachbereiche hineinschnuppern kann…

Außerdem habe ich noch 10 Semesterwochenstunden*) Sprachkurse frei. Eigentlich wollte ich die ja mit Spanisch verbraten – aber die Kurse absolviere ich jetzt doch lieber im Rahmen des Begleitstudiums Lateinamerika; 18 Semesterwochenstunden Sprachkurse und interkulturelles Training, die dabei helfen sollen, später einmal in Südamerika zu arbeiten. Alles kostenlos, versteht sich. Was ich jetzt mit meinen vielen Sprachstunden mache weiß ich noch nicht – Interesse daran hätte ich ja schon, aber es fehlt irgendwie die Zeit. Und ab nächstem Semester möchte ich auch gerne wieder einen Sportkurs belegen…

Mit anderen Worten: Die Universität bietet einem alle Möglichkeiten und sagt „Mach was draus!“ Aber sie fordert von dir nichts. Für viele ist das sicherlich das Hauptproblem – niemand kommt, der einem Druck macht, niemand kommt und erklärt ein Problem (schließlich sind auch die Übungen Massenveranstaltungen), aber am Ende wird erwartet, dass man die Klausur besteht. Nun, für solche Leute gibt es die Fachhochschulen – aber für mich, für mich gibt es die Uni. Dafür haben sich dreizehn Jahre Stunden absitzen voll und ganz gelohnt!

*) Für den Fall, dass es jemand wissen möchte: In Semesterwochenstunden (SWS) wird der Umfang einer Lehrveranstaltung angegeben. Wenn eine Veranstaltung 1 SWS umfasst, bedeutet das, dass man ein Semester lang in der Woche 45 Minuten diese Veranstaltung hat. Da es an der TU Dresden nur Doppelstunden gibt, würde eine solche Veranstaltung nur alle zwei Wochen stattfinden. Das betrifft meistens Übungen, manchmal aber auch Vorlesungen. Und erklärt, warum unser Kernstundenplan um 7.30 Uhr beginnt und um 20.00 Uhr aufhört – sechs Veranstaltungen an einem Tag sind mit 9 Zeitstunden (plus 5 Pausen à 20 Minuten) gleichzusetzen.

2 Antworten to “Dreizehn Jahre Warten haben sich gelohnt”

  1. Da ich in den letzten Wochen ziemlich Lust aufs Studieren bekommen habe (da Steffi dies nächstes Semester tun wird, schaue ich mich mit um): Neid!

  2. Oh, da kann ich ja gleich ein paar Tipps aus der Praxis mitgeben: Wenn Steffi nebenbei jobben will, darf sie AUF GAR KEINEN FALL ein Bachelor-Studium beginnen. Ein Diplom ist schon ein Vollzeitstudium, wenn man mit dem Gedanken spielt, in der Regelstudienzeit fertig zu werden; nach allem, was ich bisher mitgekriegt habe, ist ein Bachelor aber mit so viel Arbeit verbunden, dass man es gleich aufgeben kann, wenn man nebenbei noch mehr als sagen wir mal eine Stunde die Woche arbeiten möchte. Außer es ist ein komplett neuer Bachelorstudiengang an einer Uni, die schon längere Zeit Erfahrung mit dem Bachelor hat – da könnte man eventuell schon ein sinniges Konzept, das schaffbar ist, erarbeitet haben. Und auf gar keinen Fall einen Bachelorstudiengang im ersten Jahr seiner Umwidmung belegen – da wird sowieso nur rumexperimentiert, das sehe ich bei den Verkehrswirten unserer Fakultät.

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