Diese Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit

Noch vor ein paar Wochen hätte ich diesen Artikel anders aufgezogen. Aber auch in kurzer Zeit kann man seine Überzeugungen ändern…

Eventuell habe ich es schon einmal erwähnt, aber ich habe ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, Dokumentarfilm zu studieren. Daraus ist nichts geworden, statt Seminaren zur Filmgeschichte und der Recherche von Filmthemen habe ich jetzt Vorlesungen über Technische Mechanik und Umwelt und Verkehr. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass man seine Interessen deswegen vergisst.

Was fasziniert mich am Dokumentarfilm? Ich weiß es selber nicht; vielleicht ist es die Tatsache, dass ein guter Dokumentarfilm (genauso wie auch eine gute Reportage) einem Sachverhalte und Tatsachen viel näher bringen kann als ein gut geschriebener Hintergrundartikel, vielleicht auch die Tatsache, dass der Dokumentarfilm in seiner Essenz das einzige künstlerische Produkt ist, in dem der Künstler als Person nicht existent ist. Ich bin ein Egozentriker – es kann also keinen krasseren Gegensatz geben als den zwischen dem Genre Dokumentarfilm und meiner Persönlichkeit. Aber genau dieser Widerspruch fasziniert mich.

Und er ist für mich heilig. Klar, natürlich fand ich Bowling for Columbine einen tollen Film, aber schon bei Fahrenheit 9/11 war ich alt genug, um die Selbstinszenierung von Michael Moore besser einschätzen zu können. Im Klartext: Leute, die Michael-Moore-Filme für Dokumentationen halten, sehen sehen sich selbst wohl auch als Kunstexperten, weil sie in der Oberstufe einmal ein Referat über Duchamp halten mussten. Es geht um Meinungsmache – plumpe Meinungsmache. Michael Moore hat Feindbilder und diese werden bedient. Dabei ist er natürlich ganz objektiv – blöde nur, dass jeglicher Kommentar nicht mehr objektiv sein kann.

Und hier beginnt der Prozess, der in mir in den letzten Wochen vorging. Denn wider besseren Wissens sträubte ich mich gegen die Einsicht, dass kein Dokumentarfilm objektiv sein kann, sofern er bearbeitet wurde. Und jeder Dokumentarfilm ist bearbeitet; aus teilweise über 100 Stunden Filmmaterial müssen 45 bis 120 Minuten Quintessenz gewonnen werden. Mit der Entscheidung, was der Schere zum Opfer fällt, wird der Filmmacher subjektiv; es ist unvermeidlich. Filme, die über Monsanto berichten oder die Fischindustrie am Victoriasee behandeln (der einzige Film, wegen dem ich jemals mein Leben geändert habe), zeigen auch immer, was der Filmmacher uns sehen lassen will. Das sollte man immer im Sinn haben – egal, wie sehr man an die Thesen, die der Film aufstellt, selber glauben möchte. Fakt ist: Super Size Me ist gefaket – das habe ich mir zwar von Anfang an gedacht, aber nur zu leicht möchte man glauben, dass innerhalb weniger Wochen der körperliche Verfall einsetzt, wenn man sich nur von Fast Food ernährt.

Natürlich, es gibt auch Filme, wo die subjektive Wahrnehmung des Autors die Erkenntnis kaum verfälscht. Die Winteroffensiven-Erlebnisse der Kinder in den Ardennen bleiben eindrucksvoll und schrecklich – daran kann keine politische Einstellung etwas ändern. Und die eigene Betroffenheit ändert auch nichts an der Faktenlage, dass der eigene Vater ein Nazi war. Mit anderen Worten: Dokumentationen sind wichtig, denn sie zeigen uns Sachen, die wir sonst nicht sehen können. Man sollte nicht alles glauben, was einem vorgesetzt wird, aber das ist eine universelle Regel. Der eigene Kopf ist immer noch die letzte Instanz. Außerdem nehmen die meisten Dokumentarfilmer ihren Job ernst: Ob Jürgen Veiel über einen Mord in der ostdeutschen Provinz berichtet (trotz eigener Einschätzung im Anhang bleiben die Aussagen kraftvoll für sich selbst stehen) oder Francesco Uboldi einen zum Tod durch Verdursten verurteilten Mann zeigt und dafür angefeindet wird, da er nicht eingegriffen hat (was allerdings auch nicht einfach gewesen wäre). Diese Leute sind meine Vorbilder, da sie die Menschen in seiner ganzen Bandbreite einzufangen versuchen – auch seine animalische, unbegreifliche Seite, die unter dem dünnen Firnis der Zivilisation liegt; und gerade weil wir vor dieser Seite Angst haben ist es wichtig, sie uns immer wieder vor Augen zu führen.

Zum Schluß noch eine kleine Anmerkung: Es mag überraschen, aber ich habe kaum einen der großen Dokumentarfilme der letzten Jahre gesehen. Obwohl einige sicherlich sehr interessant sind, reizen mich die großen Produktionen kaum. Ich schaue lieber Dokumentationen auf arte (da rühren auch meine wenigen bekannten Dokumentationserlebnisse her) oder die Reportagen in ARD und ZDF. Manche sind schlecht, aber manchmal geht es um Menschenschicksale und dann bin ich dabei. Schließlich vertrete ich die Ansicht, dass Geschichte à la Guido Knopp und Politik à la Will alles nur blabla ist – Verstehen (nicht nachvollziehen) kann man nur, wenn man Menschen und ihre Schicksale kennt. Denn alle gefühlten Schulstunden über das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg haben mich nie so erreicht wie die Schilderungen eines reuigen Weltkriegsveteranen in der 5. Klasse („Auf diesem Bild fahren wir durch Getreidefelder in Nordfrankreich. Hätten wir nur damals schon gewusst, dass wir später hungern würden…“)…

9 Antworten to “Diese Geschichte basiert auf einer wahren Begebenheit”

  1. Ich mag ja am liebsten Langzeitdokus, die nichts aufdecken, Meinung kundtun oder sonstwas, sondern einfach nur beobachten. Ich fand zum Beispiel auch die Ludolfs-Doku vom SWR damals sehr gut (die Serie auf DMAX mit gescripteten Ereignissen hinkt da qualitativ ziemlich hinterher). Und im Kino läuft jetzt wohl ein Film, in dem ein Dorf in der DDR über 40 Jahre beobachtet wurde.
    In den USA ist es wohl viel üblicher, mit Dokumentationen seine Meinung zu verbreiten und wird da auch viel lockerer gesehen. Aber meine Sache ist das auch nicht.

  2. Da will ich die USA einmal in Schutz nehmen: Ich glaube nicht, dass es ein US-Amerikanisches Phänomen ist, dass die dortigen Dokus nicht sehr objektiv sind. Diese Dokus sind einfach nur bekannter, weil sie ein breiteres Publikum ansprechen – ein Film, der alle Vorurteile bekräftigt, zieht nunmal mehr als ein Film, der ausgewogen berichtet und zum Schluß kommt, dass alles zwei Seiten hat oder, noch schlimmer, einen ohne befriedigende Antwort zurücklässt, weil es diese gar nicht gibt.

  3. alles ist subjektiv. das ist klar. selbst sobald du die information auswählst, entscheidest dass du dir das ansiehst, handelst du ebenfalls subjektiv. ich finde dass objektivität kein messungsgrad ist. schön wenn beide ansichten vertreten sind, aber der zuseher selber wird sich sowieso nur das herauspicken, was er auch hören möchte

  4. Das ist natürlich wahr – aber ich persönlich mag es, wenn man mit Informationen konfrontiert wird, die eben quer sitzen und nicht schön in das eigene Weltbild hineinpassen. Und darum finde ich es dann gut, wenn auch Zweifel an der These eines Films gesäht werden, frei nach dem Motto: „Vertraue niemandem, nicht einmal dir selbst!“

  5. Eine Frage mit der ich mich bei Dokus gerne beschäftige ist die Frage nach der Zielgruppe… das einfachste Beispiel: Wen wollte Michael Moore erreichen und was sind die psychologischen Instrumentarien, die er dazu benutzt… und welchen Nutzen, neben der Selbstdarstellung, soll der Film haben. In Ländern mit einer angestammten Fundraisingtradition oder einer wechselvollen politischen Lage kann das zu sehr amüsanten Ergebnissen führen… man verarscht sich ja auch so gerne selbst.

  6. Fundraising-Gesellschaften sind aber in einer gewissen Weise einfach ehrlicher – man weiß, dass man mit Propaganda überschüttet wird und kann sich – wenn man will – damit auseinandersetzen.

    Aber in Deutschland wird immer noch zu häufig davon ausgegangen, dass Medien neutral sind und keine Meinung propagieren. Aber so einfach kann es ja gar nicht sein – ich habe ja auch meine Meinung zu einem Thema und bewerte deswegen Gegenargumente gegen meine Positionen logischerweise als irrelevant im Vergleich zu meinen Argumenten – das kann ein Journalist ja auch nicht anders machen…

  7. Problem ist nur… deine Position mag die Richtige sein, nur bist du leider kein Dokumentarfilmer und kannst deswegen auf diesem Weg keinen Einfluß nehmen, was wirklich bedauerlich ist…

    Und Nein, Bloggen giltet auch nicht als Einflußnahme ;-)

  8. Bei den 7 Leute, die laut den Statistiken Stammleser sind, würde ich das auch nie zu behaupten wagen…

    Aber ich bin ja nicht der einzige, der sich Gedanken macht und diese trotzdem nie unters Volk bringen kann. Da gibt es sicherlich eine Studie von irgendeinem Wirtschaftsinstitut drüber, wieviele Millionen täglich verloren gehen, weil Ideen nicht publiziert werden können. Wire sind ja immer noch in Deutschland…

  9. @mugo
    …..
    Schließlich vertrete ich die Ansicht, dass Geschichte à la Guido Knopp und Politik à la Will alles nur blabla ist …..

    Also für Leute wie meine Ma oder andere finde ich die ganzen Guido Knopp Reihen recht schön gemacht.

    Anne W, und die anderen haben oft zu wenig Zeit und zu viele Gäste, aber man möchte ja mehrere Leute hören.

    Allerdings schaue ich derartige Diskussionen über Klimakatastrophe, Vogelgrippe ect., die aktuellen Themen halt, nicht oder sehr selten, weil das ist mir entweder schon zu alt oder noch nicht aktuell und zu „doof“. Tatsächliche im Kreis Laberei.

    Michael Moore macht wenigstens mal was anderes als „Spielfilme“ und regt zumindest zum nachdenken an.

    Zum Thema „neutrale Medien“. Die Schweiz ist ein „neutrales“ Land. :-)

    Selbst alle „Nachrichtensendungen“ sind nicht neutral. Das fängt bei der Auswahl der „Sprecher“ an, womit das Zielpublikum dann schon ein bißchen „vorsortiert“ wird.

    Für mich war „Roots“ recht prägend, was „Schicksalsfilme“ angeht.

    7 Stammleser ist doch gut. Vllt. hast du ja noch mehr. Schau mal das ist eins meiner großen Probleme: Ich kann weder alle Spiele spielen, alle Musik hören, alle Blogs lesen …. und die anderen halt auch nicht.
    Finde deinen Schreibstil aber sehr erheiternt !

    Du mußt jetzt wieder was mehr für die Schule tun, andere werden durch Partner oder Familie gefordert ect.
    Ich gehe halt bei schönem Wetter am liebsten in den Wald ohne Radio oder Buch und guck einfach oder höre den Vögeln zu und vor allem den Wasserplätchern.

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