Schmeckt wie beim guten Italiener

Meine Eltern waren über Ostern zu Besuch und das bedeutet: Essen satt! Und nicht nur das Wenzel oder die Planwirtschaft sind lecker. Der kulinarische Oberhammer war mein etwas verspätetes Geschenk zum Abi. Denn als Teil einer passionierten Feinschmecker-Familie (ich hasse das Wort Feinschmecker. Ich esse schließlich, was mir schmeckt und nicht irgendwas, das fein ist!) hatte ich irgendwann den Wunsch geäußert, einmal in einem Sterne-Lokal zu essen, was mir dann auch prompt als Abigeschenk gewährt wurde. Aus familiären Gründen hat es sich bisher aber noch nicht ergeben.

Okay, ich habe keinen Vergleich zu anderen Sternelokalen, aber allein der Vergleich zu dem, was ich bisher in meinem Leben essen durfte, lässt mich darauf schließen, dass ich in einem der besten Restaurants Deutschlands gegessen habe. Und, noch viel wichtiger: Es wurde mit Zutaten gearbeitet, die ich auch genießen kann. Ich bin nämlich nicht unbedingt von allem angetan. Aber so konnte ich das volle Programm genießen: Das Sieben-Gänge-Menü. Und nun folgt eine kleine Abhandlung über das gestrige Programm. Nochmal: Ein Sieben-Gänge-Menü wurde bestellt und gezahlt. Der Rest ist – außer den Getränken – sozusagen inklusive…

Aufmerksamkeit aus der Küche:

Schon vor dem Bestellen des Aperetifs kam die Aufmerksamkeit aus der Küche. Etwas ungewöhnlich, aber will etwas gegen einen Happen scharf angebratenen Thunfisch und ein klitzekleines Stück Lauchquiche sagen? Wenn die richtigen Gerichte das halten, was die Aufmerksamkeit verspricht, dann wird es bombastisch…

Aperitif:

Meine Eltern halten sich an klassische Champagner-Aperitifs, ich dagegen (normalerweise reicht mir ein klassischer Martini Bianco, aber so etwas profanes gibt es hier gar nicht) probiere Churchills Lieblings-Madeira. Eine gute Wahl, denn Churchill hatte Geschmack. Aber wie ein Asket wirkt er nun wirklich nicht, da ist so etwas zu erwarten.

Brot:

Wie es sich gehört gibt es selbstgemachtes Brot. Auch hier offenbart sich für mich die höhere Klasse: Es gibt zum klassischen Weißbrot auch welches mit eingebackenen schwarzen Oliven, die noch immer saftig sind. Zusammen mit der leicht gesalzenen Butter ein Gedicht!

Aufmerksamkeit aus der Küche II:

Und noch eine Aufmerksamkeit aus der Küche! Diesmal sind es dreierlei Variationen vom Lachs. Herrlich. Allerdings stellt sich langsam die Frage, ob es nicht doch ein wenig zu viel wird. Schließlich habe ich noch nicht einmal mit dem ersten Gang begonnen…

Vorspeise:
Kleiner Spinat-Salat mit Scheiben von der mild geräucherten Taubenbrust
und gebratener Gänsestopfleber

Der erste Gang. Besser kann es nicht losgehen (wenn man denn von losgehen sprechen will…). Der Spinatsalat ist nur aus den besten Blättern gemacht, die Taubenbrust extrem mild geräuchert und genau so durch wie nötig – aber noch immer schön rosig.
Die Gänsestopfleber ist natürlich ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bin ich immer offen, augefallenes zu probieren, andererseits will ich Tierquälerei nicht unnlötig unterstützen. Einerseits setzt sich durch und ich kann nur sagen: Gänsestopfleber ist himmlisch! Ich mag Leber nicht besonders, aber das kann man gar nicht mit dieser cremigen Herrlichkeit vergleichen. Kompromiss für das Gewissen: Man muss es ja nicht darauf anlegen, Gänsestopfleber zu essen – aber einmal in 20 Jahren ist schon drin…

Zwischengang:
Ravioli von Ochsenschwanz auf Rahmspinat mit Perigord-Trüffel

Zum ersten Mal muss ich auf ganz hohem Niveau ein wenig mäkeln: Der Spinat ist ZU fein. Eher gleicht er schon einem Spinatsüppchen. Aber vielleicht ist das der Ausgleich dafür, dass es keine Suppe gibt? Die Ravioli mit dem Ochsenschwanz zergehen wie zu erwarten auf der Zunge. Schade, dass so viele Fasern zwischen den Zähnen hängenbleiben und kein Zahnstocher bereit steht…
Zu den Perigord-Trüffeln kann ich leider nichts sagen, da ich sie nicht bewusst wahrgenommen habe. Aber von einer vorherigen Begegnung mit Trüffeln kann ich sagen: Trüffel schmecken wie besonders geschmacksintensive Waldpilze. Für Pilzfreunde sicherlich eine interessante Erfahrung, aber man kommt auch gut durchs Leben, ohne Trüffel gegessen zu haben.

Fischgericht:
Glacierter Heilbutt im Bouillabaisse-Sud

So langsam legt sich der Hunger und erst jetzt kommt der erste Hauptgang! Erst bin ich ein wenig skeptisch: Der Heilbutt sieht aus wie ein fettes geräuchertes Lachsstück; das esse ich zwar, hat mir aber einen zu starken Fettgeschmack. Aber schon nach einem Bissen bin ich beruhigt: Davon, dass Fett im Fisch ist, merkt man gar nichts und die Bouillabaisse ist ein Gedicht! Aber danach stellt sich die Frage, wie man die restlichen vier Gänge schaffen soll…

Fleischgericht:
Gratiniertes Lammcarré unter der Oliven-Thymiankruste mit Gnocchi

Ein herliches Gericht, aber trotzdem für ich persönlich der Tiefpunkt des Menüs – ich bin kein Lammfan. Aber es wäre ungerecht, das Gericht zu kritisieren: Die Kruste schmeckt auch ohne Fleisch, die Gnocchi sind super, das Bohnen-Austernpilz-Gemüse und die Soße sowieso. Auch das Fleisch ist wie aus dem Lehrbuch und ganz ohne Fettränder – ich kann mich also nicht beschweren. Trotzdem: Lamm würde ich privat nie essen. Daran ändert auch ein grandioses Hauptgericht nichts.

Käse:
Auswahl von Rohmilchkäse

Ein Wagen mit verschiedenen Käsen wird hereingefahren. Nicht schlecht. Normalerweise bekommt man eine Auswahl mit den Standards präsentiert, weswegen ich normalerweise auch verzichte – ich mag keine Schimmelkäse. Aber ich wollte diesmal alles mitnehmen – schließlich geht man nicht häufig in Lokalen essen, an dem man an einem Abend das verfrisst, wofür ich sonst einen guten Monat leben kann.
Wie gesagt, ein Käsewagen wird reingefahren. Und das eine oder andere scheint auch was für mich zu sein. Dann kommt der zweite Wagen – auf dem ersten waren ja nur die Kuhkäse. Der Käsefetischist in mir bricht in Tränen aus: So viel, was man probieren könnte und einfach kein Platz mehr im Magen! Aber wenn ich demnächst mal wieder Lust auf einen besonderen Käse habe, kann ich mir ja mal eine Platincard von American Express besorgen und im zum Restaurant gehörigen Feinkostladen einkaufen gehen…
Zum Käse wird wieder Brot gereicht. Das Würzbrot ist super, das süße Brot trifft nicht so meinen Geschmack, aber das habe ich mir ja auch von meinem Vater aufschwatzen lassen. Zwei Stücke Brot, vier Käse und ein Klecks Feigensenf – leider muss dies reichen, sonst platzt mein Magen schon vorm letzten Gang!

Zwischengang II:
Blutorangensüppchen und Sorbet

Endlich was Leichtes! Sorbet und Süppchen sind lecker und haben außerdem noch im Mund zerplatzende Zuckerkristalle. Sehr schön. Aber gehaltvoll ist die Soße auf jeden Fall. Auf jeden Fall ist da nicht nur Blutorange drin…

Nachtisch:
Kleiner Kaiserschmarrn mit Mohn und Rotwein-Eis

Glücklicherweise habe ich mit meiner Mutter den Nachtisch getauscht – anstatt wie oben beschrieben den Kaiserschmarrn bekomme ich ein Schokoladentart und ein Vanille-Olivenöl-Meersalz-Eis. Das Salz gibt einen interessanten Kontrast zum süßen Eis, das Olivenöl geht dagegen ein wenig unter, macht das Eis aber noch cremiger. Die Schokoladentart besteht zu mindestens 120% aus Kakao – schon das kleine Stück hat die Masse eines soliden Uranblocks. Der Fruchtsalat kann von mir schon gar nicht mehr in seinen Einzelheiten gedeutet werden. Eventuell Mango? Egal, lecker! Und – endlich, endlich – ist es geschafft!

Aufmerksamkeit aus der Küche III / Kaffee:

Na zumindest denke ich so. Aber während mein Vater einen Espresso trinkt, kommen noch einmal kleine Naschereien aus der Küche. Ich bin bedient und überspringe diesen Gang beflissentlich. Jetzt braucht es einen Schnaps, um die Verdauung anzuregen!

Digestif:

Natürlich gibt es hier keinen Berentzen-Korn, sondern eine Auswahl an erlesensten Bränden und Kräutern. Als Grappa-Fan nehme ich natürlich einen Obstbrand. Doch welchen der sächsischen Edelbrände soll ich nehmen – Apfelquitte oder Sauerkirsch? Ich entscheide mich für Apfelquitte und werde es nicht bereuen. Die Schlieren am Glas sind so ausgeprägt, wie ich es noch nie bei einem Obstbrand gesehen habe; und da Schlieren die Qualitöt verraten…
In der Tat, ein feiner Tropfen. Schade, dass ich so selten schwer esse, wenn ich mir zu Hause etwas mache. So dekadent, sich in die Studentenbude einen Obstbrand für einen exorbitanten Preis zu stellen, wäre ich gerne. Aber wenn man ihn dann gar nicht trinken kann…

Pralinées:

Nun ist aber Schluss! Weit gefehlt, jetzt werden noch die hausgemachten Pralinées gereicht. Meine Eltern greifen wieder zu (sie scheinen trainiert zu haben…), ich lehne dankend ab, nicht ohne mich dafür zu bemitleiden. Doch der Restaurantchef lässt nicht locker: Zumindest die Ingwer-Zitronengras-Trüffel solle ich doch probieren, es wäre sonst eine Schande. Obwohl ich Ingwer nicht mag, lasse ich mich überreden. Ich beiße rein und wenn nicht alles andere auch schon die Höhepunkte meiner bisherigen Gourmetkarriere dargestellt hätte, so wäre es dieses Pralinée: Erst schmeckt man das zarte und frische Zitronengras, dann, genau in dem Moment, wo der Geschmack abklingt, kommt die scharfe und herbe Note des Ingwers heraus. Unglaublich! Wer immer dieses Meisterwerk kreiert hat: Möge man ihm ein Denkmal setzen. Besser kann so ein Abend nicht ausklingen.

So bleibt mir nichts, als mit den Worten des Maggi-Kochstudios zu schließen: Das machen wir mal wieder! Fragt sich nur wann und von welchem Geld…

4 Antworten to “Schmeckt wie beim guten Italiener”

  1. Wenn du mir jetzt ins Gesicht schaust, wirst du blanken Neid entdecken… Sowas will ich auch mal machen :) Nur das ich leider etwas mäklich bin und da viel Geld verschenken würde…

  2. Ich hatte auch 21 Jahre Zeit zum Üben – vor ein paar Jahren wäre das auch noch nichts für mich gewesen. Aber wenn es dann so weit ist…

    *schmacht*

  3. Wahrlich, kein Menü für Anfänger!

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