Democracy In The UK

Wieso sind eigentlich alle überrascht, dass so viele Länder Probleme mit ihrer Demokratisierung haben? Welches Land hatte die denn nicht? Also mir fällt außer den USA grade kein Land an, dass von Anfang an eine stabile Demokratie war. Und das waren die ehemaligen Kolonie der am weitesten demokratisierten Macht zu der Zeit und haben sich wegen fehlender Beteiligung am Regierungsprozess für unabhängig erklärt; mit anderen Worten: Da gab es einfach keinen Nährboden für Diktatoren. Außerdem stellt sich die Frage, ob die USA nicht sogar erst mit der Verwirklichung der Bürgerrechte auch für Schwarze „vollendet“ war.

Wenn jetzt aber der Irak oder Afghanistan (künstliche Länder ohne bisherige demokratischen Phasen) überraschenderweise nicht freudestrahlend Kompromisse eingehen oder ihren Herrschenden vertrauen, tun alle so, als wäre das überraschend.

Auch in Deutschland und Japan ist die Demokratie nicht vom Himmel gefallen. Beide mussten eine Demokratie aufbauen, weil sie dazu gezwungen wurden und es keine Möglichkeit für antidemokratische Gruppierungen gab um sich zu profilieren – dafür haben die Alliierten schon gesorgt. In Deutschland gab es zudem eine damals schon hundertjährige Erfahrung mit Parlamentarismus und genügend Persönlichkeiten aus der Weimarer Republik, die das System tragen konnten. In Japan sah es ein bisschen anders aus, aber diese Defizite merkt man meiner Meinung nach auch im japanischen Parlamentarismus – zumindest erscheint mir das, was man hier mitbekommt, noch undemokratischer als bei uns.

Außerdem: Wenn man sieht, wie sich schon relativ homogene Gesellschaften wie Deutschland und Japan so schwer mit Kompromissen tun – wie soll dann ein Vielvölkerstaat zu vernünftigen Entscheidungen kommen, die zwar nicht von allen getragen, aber zumindest akzeptiert werden?

Egal, was sich jemand wünscht – solange die Leute nicht bemerken, dass eine funktionierende Demokratie mehr Vorteile bringt als ein Diktator aus der eigenen Gruppe, wird doch niemand ernsthaft bereit sein, dem Feind die Macht zu übergeben. Wenn der Irak Glück hat, dann gibt es jetzt eine Phase der Scheindemokratie wie es in Südamerika lange der Fall war – und dort haben sich die Leute letztendlich selbst aus der Scheiße gezogen, weil es sonst ja keinen interessiert hat. Auch wenn Chávez eine verdammte Ausnahme ist: Für die meisten Länder ist eine Diktatur trotzdem inzwischen undenkbar. Wie gesagt: Gebt den Leuten 100 Jahre Zeit zum Üben – und ihr kriegt eure Demokratien!

7 Antworten to “Democracy In The UK”

  1. Also deinem letzten Satz muss ich widersprechen. Diktatur bedeutet per se, dass ein einzelner Mensch die politische Entscheidungsgewalt in den Händen hält. Das muss nichts schlechtes sein- im alten Rom hat es in Krisenzeiten (z.B. als Hannibal ad portas stand) jeweils zwei solcher Diktatoren gegeben, denen der Senat die gesamte Macht in die Hände gelegt hat und die dann unabhängig von der Regierung schalten und walten durften. Das ganze war auf ein halbes oder ein Jahr begrenzt, danach war dem „Diktator“ die Macht entzogen und er musste nach Rom zurückkehren. Das hat auch der Großteil gemacht.

    Du siehst, es gab also auch Diktatoren auf Zeit, die den Karren aus der Scheiße gezogen haben und anschließend ihre Macht abgaben. Das finde ich persönlich nicht schlecht.

    Natürlich war das ganze damals noch etwas anderes, denn die damaligen Ehrbegriffe, der römische Patriotismus und die Herangehensweise war etwas anders als heutzutage.

    Aber die Idee, jemanden für einen begrenzten Zeitraum alle Macht zu geben und ihm einen mehr oder weniger klar definierten Auftrag zu geben („Mach das Schiff wieder flott!“), den er dann mit all seiner Macht erfüllt, finde ich verlockend.
    Denn seien wir mal ehrlich, in einer Demokratie, und das sehen wir in Deutschland, werden viele Beschlüsse die eigentlich positiv sind, zerredet und müssen erstmal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gebracht werden, damit sie auch allen irgendwie gefallen. Dabei geht es dann um Parteiinteressen, während das „große Ganze“, also Deutschland, eher zweitrangig ist. Das Gefühl habe ich zumindest.

    In einer Diktatur mit einem aufgeklärten, nicht an sich selbst denkenden Diktator, der uneigennützig zum Wohle des Landes handelt und dabei nicht größenwahnsinnig wird, wäre dies nicht der Fall.
    Und es muss ja nicht unbedingt einer sein- kann ja auch eine kleine, aber noch entscheidungsfähige Gruppe von Sachverständigen (und das müssen sie sein) sein, die wissen worum es geht.

    Aber das wird das Problem sein… Finde mal jemanden, der die oben genannten Bedinungen erfüllt.

  2. jo, gegen einen netten diktator kann man nix einwenden. und sollte er scheiße bauen, kann man sich nach seinem tod immerhin darauf berufen unterdrückt und unschuldig gewesen zu sein

  3. @Paul:

    Okay, dank deines letzten Satzes kann ich mir einen Kommentar zum Kommentar ja sparen.
    Ich halte nichts von Diktaturen, auch nicht auf Zeit (sofern sich die Diktatoren nicht nach dieser Zeit rechtfertigen müssen für das, was sie getan haben, also einer Gerichtbarkeit unterstellt werden); denn das suggeriert Unfehlbarkeit und absolute Moral. Die gibt es meiner Meinung nach nicht. Klar, eine Diktatur ist verlockend, weil dann endlich jemand mal den Karren aus dem Dreck ziehen kann. Aber nur weil man zufälligerweise die politischen Ansichten des Diktators teilt, muss das noch lange nicht das Richtige sein bzw. stellt sich die Frage, wie man die erreichten Ziele später verteidigen will, da sie alle als unrechtmäßig gelten. Nimm als Beispiel nur mal die DDR – alles, bis hin zu Sand- und Ampelmännchen wurde plötzlich in Frage gestellt, allein, weil es aus dem unterlegenen Verbrechersystem stammte. Und heute muss alles mühsam wieder aufgebaut werden, was einmal selbstverständlich war. Nein, mein Lieber, ich bleibe bei der guten, alten und ineffektiven Demokratie…

    Aber eine Frage bleibt offen: Was hat das ganze jetzt mit dem Satz „Wie gesagt: Gebt den Leuten 100 Jahre Zeit zum Üben – und ihr kriegt eure Demokratien!“ zu tun?^^

    @Sanja:

    Ja, da habt ihr Ösis ja Erfahrung mit.^^ Herzlichen Glückwunsch zum Siebzigsten Jahrestag nachträglich! Und hört auf den Habsburg, der muss es wissen…

  4. Eigentlich wollte ich ja darauf hinaus, dass in manchen Ländern positive Diktaturen ganz gut wären- unter der Bedingung der zeitlichen Begrenzung sowie einem anschließenden Übergang zur Demokratie.

  5. Aha, okay, jetzt habe ich es verstanden.

    Allerdings bin ich davon auch nicht überzeugt – denn wie sollen die Leute demokratisiert werden, wenn es keine Demokratie gibt? Vielleicht ist ein System wie in der Türkei ganz gut zum Üben: Demokratie, aber wenn es der Armee zu bunt wird (also nicht mehr Atattürks Ideale die Politik bestimmen) gibt es eben einen Staatsstreich. Und heute ist die Türkei zwar noch keine lupenreine Demokratie, aber in dieser Hinsicht um einiges weiter als EU-Staaten wie Bulgarien oder Rumänien…

  6. Och, ich denk mir das mit viel Idealismus und hohen Moralvorstellungen. Dann klappt das.

    Und der positive Diktator kann ja das Ende seiner Amtszeit so vorbereiten, dass es in den letzten Jahren Wahlen in Kommunalhöhe gibt, damit die Leute üben können, und das dann nach seinem Amtsende auf Landesebene umsetzen können.

  7. Aber darauf will ich ja hinaus – dass es blauäugig ist zu glauben, dass man mal eine Wahl macht und dann sagen die Leute: „Hui, jetzt haben wir Demokratie und arbeiten konstruktiv zusammen und fühlen uns nicht auf den Schlips getreten, wenn unsere Idee nicht umgesetzt wird, weil 80% der Bevölkerung dagegen sind.“ Sowas muss man doch üben!

    Wenn es so einfach wäre, dann müssten der Irak oder Afghanistan schließlich Horte des Friedens sein. Der Prozess der Wahl ist kein Problem, das Regieren (und regiert werden) danach ist es.

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