Menschenverachtende Untergrundmusik

Ich schulde euch noch zwei Konzertberichte und weil ich mir einen sparen kann, wenn ich beide gleichzeitig veröffentliche, gibt es das geballte Doppelpack, bestehend aus Anajo am 28.11. in der Scheune und Funny van Dannen am 6.12. im Klub Neue Mensa.

Zuerst also die Augsburger Popper von Anajo. In meinen Ohren die derzeit beste deutsche Popformation. Natürlich, sie machen keine Musik für die Ewigkeit, aber für den Moment. Nah bei mir ist eine unglaublich stimmige und kompakte Platte – ein Ohrwurm und potenzieller Hit jagt den nächsten. Wer Anajo kennt und Pop hört sollte eigentlich jubeln, wenn die Band in der Stadt weilt. Aber anscheinend ist dem nicht so.

Denn die Scheue – die sich entgegen meiner Vorstellung als sehr gemütliche Einrichtung erwies – war alles andere als ausverkauft und dabei ist es bei weitem nicht die größte Bühne der Stadt; der Dresdner Poerty Slam findet hier statt und das ist noch immer keine Massenveranstaltung. Man kann die Leute eben nicht zu ihrem Glück zwingen…

Vor Anajo spielte Gisbert zu Knyphausen. Sehr nett und sicherlich das Reinhören wert, wenn denn dann endlich das Album erscheint. Aber ob er allein einen Abend tragen kann? Die Demos auf der MySpace-Seite legen dies nah und die Texte und Melodien sowieso.
Anajo kann es auf jeden Fall! Die drei kommen sympathisch rüber und scheinen sich auch nicht darüber zu grämen, dass selbst nach zwei guten Alben die Interaktion mit dem Publikum noch ohne Probleme möglich ist.

Ich selbst bin zufrieden – bis auf “Sonne über Haunstetten” wurden alle Lieder gespielt, die ich hören wollte und die mir unbekannten Lieder der zweiten Platten haben mich dazu bewogen, mich vielleicht auch noch etwas intensiver mit ihr zu beschäftigen. Sonst wird gute durchschnittliche Livekost geborten. Leider ging das Publikum nicht ganz so mit wie von mir gehofft – da war die Stimmung bei den Tocos um einiges besser! Daran konnte auch der Umstand nichts ändern, dass Anajo die richtigen Lieder zu zitieren wissen (Mutter, der Mann mit dem Koks ist da und Das Model). Trotzdem wäre ich gerne noch auf der After-Show-Party geblieben, aber hinundwieder muss ich doch zu Info gehen…

Das war also Anajo – der Besuch lohnt sich auf jeden Fall, auch und gerade wenn man bisher nicht so viel von den Jungs mitbekommen hat. Für eine Band ihres Bekanntheitsgrads sind sie immer noch ziemlich billig, geradezu ein Geheimtipp und man hat eine Menge Spaß. Wie gesagt: Die derzeit beste Popband Deutschlands und auch die einzige, die derzeit in diesem Stil wirklich überzeugen kann (Wir sind Helden spielen dann doch eine eher nachdenkliche Deutschpop-Variante…).

Kommen wir nun zum anderen Bestandteil unserer Betrachtung, meinem persönlichen Nikolausgeschenk: Funny van Dannen! Sobald ich im Oktober mitbekommen habe, dass mein Idol in der Stadt, ach was, in meiner Stammmensa spielen wird, war ich auch schon im Ticketshop und habe mir meine Karte gesichert. Erst fand ich mein Verhalten ja etwas voreilig, denn wie viele Leute werden schon zu Funny van Dannen gehen? Nun, es sind doch ein paar…

Der Schwarzmarkt blühte also vor der Mensa und ich konnte froh sein, dass ich ohne größere Probleme in die heiligen Hallen vorgelassen wurde. Und trotz der Menschenmassen, die zwischen mir und IHM standen, fand ich es von der ersten bis zur letzten Minute nur geil! Entschuldigung, Funny van Dannen ist in der Stadt – und ich bin dabei!

Leider war Funnys Stimme ein wenig angegriffen, aber heilige Scheiße, der Mann hat es einfach drauf. Und abgesehen vom Opener Gutes Tun hat er auch nur Lieder gespielt, die ich mag oder nicht kannte, weil sie auf der neusten CD drauf sind – die ich mir natürlich sofort gekauft habe! Damit fehlt mir jetzt nur noch Uruguay im Original und ich kann wieder ruhig schlafen. Mein neues erklärtes Lieblingslied von “Trotzdem Danke” ist jetzt schon mal klar: Mütter – obwohl “Oma” auch seinen Reiz hat…

Ich komme vom Thema ab. Die Lieder waren wie gesagt spitze! Ob Kapitalismus, “Menschenverachtende Untergrundmusik”, Der Fatalist, “Der Wal”, Lesbische Schwarze Behinderte und natürlich – ganz große Klasse und ein Lied, dass sich jeder Wirtschaftswissenschaftler anhören sollte – “Humankapital” (um nur ein paar ganz große Übersongs zu nennen), alles rief ungeahnte Euphorie hervor. Und das gerade Eurythmieschuhe so ein Fan-Favorit ist, hätte ich auch nicht gedacht. Dann noch einen meiner persönlichen Lieblingssongs – “Gwendolyn Kucharsky” – als letzte Zugabe zu spielen, deutet doch darauf hin, dass der Funny ein Netter ist. Und auch wenn wir vielleicht noch das eine oder andere Lied hätten hören können wenn denn seine Stimme mitgemacht hätte – ich werde den Abend als perfekt in Erinnerung behalten.

Das waren sie also, die beiden Konzerte, über die ich mich noch auslassen wollte. Jetzt wisst ihr, zu wem ihr beruhigt euer Geld tragen könnt. Wann das nächste Konzert ansteht weiß ich noch nicht – derzeit ist es das Ärzte-Konzert im Juni (oder war es Juli?), für das ich glücklicherweise eine Karte ergattern konnte (das Zusatzkonzert soll auch schon fast ausverkauft sein). Dendemann spielt zwar im Dezember, aber 20 Euro? Das sind mir Tocotronic oder The Hives wert, aber sicherlich nicht Dendemann. 12 Euro und ich wäre dabei. Aber so sehr verehre ich den deutschen HipHop dann doch nicht. Fotos könnte ich mir aber noch vorstellen und außerdem muss ich immer noch heulen, dass ich Stereo Total, The Raveonettes und La Grande Illusion allesamt verpasst habe. Naja, zumindest wegen Stereo Total tut es mir Leid. Und tiefst in meinem Inneren weiß ich, dass es Jammern auf hohem Niveau ist, denn solche Bands wären niemals in Oldenburg aufgetreten. Dresden, remember I love you!

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