Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein!

Bisher habe ich es noch nicht bereut, nach Dresden gezogen zu sein. Die Stadt hat alles, was das Herz begehrt und für Studenten ist der Nahverkehr gratis. Wenn mir also einfällt, mal eben schnell ein Ticket für das Konzert von Funny van Dannen am 6. Dezember in der Neustadt zu besorgen, setze ich mich einfach in die Bahn und fahre rüber!

Und schon sind wir mitten im Thema. Endlich wohne ich in einer Stadt, in der Konzerte von Bands stattfinden, die ich sehen möchte! Wie gesagt, Funny van Dannen liegt schon als verfrühtes Nikolausgeschenk für mich auf der Kommode und Tocotronic – spielen nächste Woche Montag – ist auch schon gekauft. Zudem spielen Anajo Ende November und die Die Ärzte nächstes Jahr im Juli, da werde ich hoffentlich auch hinkönnen. Ich bin mehr als begeistert – die einzigen nennenswerten Konzerte, die ich in Oldenburg gesehen habe, waren Lack of Limits und Adam Green.

Ja, ich gehe gerne auf Konzerte (und wenn ich Stereo Total nicht verpasst hätte, wäre das Glück perfekt). Jetzt kommt aber das Dilemma ins Spiel: Ich studiere Verkehrsingenieur – und Ingenieure sind nicht gerade als die Speerspitze der Popkultur bekannt…
Sprich: Ich habe Probleme, Begleiter für Konzertbesuche zu finden. Die wenigen anderen Musikfanatiker, die ich hier kenne, haben einen anderen Musikgeschmack. Und die meisten Ingenieure sind von ihrer Wesensart eher gemütliche Charaktere, denen Musikhören in der großen Masse eher abgeht; dafür machen sie gerne Filmabende. Kein Witz, es gab eine Studie, die herausfinden wollte, inwiefern Klischees über Ingenieure stimmen. Was soll man sagen – die meisten sind erstaulich zutreffend!

Zurück zum Thema: Wie man es dreht und wendet – Ingenieure finden in der Popkultur nicht statt. Popkultur ist das Leben der Leute, die „irgendwas mit Medien“ machen wollen, Journalistik studieren oder eine Ausbildung zum Grafikdesigner machen. Dies ist nicht weiter schlimm, beide Gruppen können gut nebeneinander leben; denn wo die Einen ständige Erneuerung und Innovation wollen, lieben die Anderen die Beständigkeit und lassen sich von den ganzen Trends nicht verrückt machen. Eine paar Witze über die jeweils andere Gruppe („Karohemd und Samenstau, ich studier‘ Maschinenbau!“ vs. „Mädcheninformatik“) und das war’s.

Aber da gibt es eben noch leute wie mich. Leute, die nicht ins Klischee passen. Denn ich fühle mich irgendwie nirgendwo so richtig heimisch. Damit meine ich ncht, dass ich nichts mit den Leuten anfangen kann, ganz im Gegenteil; Menschen sind keine Geisteshaltungen, sie haben welche. Idioten gibt es in beiden Gruppen, korrekte Menschen aber auch.

Dennoch: Beide Welten alleine langweilen mich. Ich will Abends eben auch mal auf Konzerte gehen oder tanzen – einen Ingenieur, der dafür sofort Feuer und Flamme ist, findet man da seltener. Hingegen sind mir die Probleme und Diskussionen der Popkultur oft suspekt und zu oberflächlich und artifiziell. Nicht, dass ich mich nicht auch hingebungsvoll stundenlang nur in Filmzitaten unterhalten könnte, aber irgendwie…

Ich habe mich bewusst für einen naturwissenschaftlichen Studiengang entschieden, weil ich irgendwann da saß und mir Gedanken gemacht habe: Wann wirst du auf dein Leben zurückblicken und sagen, dass du alles richtig gemacht hast? Dann, wenn du etwas Bleibendes geschaffen hast. Und bei Geisteswissenschaften kann man eben nur Bücher hinterlassen – aber ganz ehrlich: Es gibt kein Sachbuch, auf das die Welt nicht auch hätte verzichten können. Selbst die wenigen, die wirklichen Einfluss auf unsere Wertvorstellungen hatten, wären irgendwann von jemand anderem geschrieben worden. Was aber bleibt, sind Ingenieurleistungen. Nicht, dass man jetzt jeden Tag irgendwelchen Ingenieuren huldigen würde, aber wir benutzen jeden Tag hochkarätige Ingenieursleistungen, ohne großartig darüber nachzudenken. Und das meine ich mit bleibend: Jemandem den Alltag erleichtern, ihm eine Hilfe sein. Daher auch mein Liebäugeln mit der Entwicklungshilfe oder einem Job in der Dritten Welt; einfach dieses Gefühl, man tut etwas, dass jemandem wirklich den Alltag erleichtert. Und klar, es ist interessanter, etwas Neues aufzubauen als etwas bestehendes zu verbessern.

Kommen wir zurück zur Popkultur; diese schafft in meinen Augen genauso wie die Geisteswissenschaften nichts Bleibendes (okay, wir wissen, dass dies Quatsch ist, denn es gibt genug philosophische Werke, die unser Denken entscheidend beeinflussen – aber ich bin eben kein Philosoph). Aber verdammt, ich müsste lügen, wenn ich beahupten würde, dass sie mich nicht beeinflusst und fasziniert. Vielleicht nicht alles in gleichen Maßen, aber ganz bestimmt, was Musik angeht. Aber hier beginnt es schon, für mich schwierig zu werden. Denn wo informiert man sich am Bequemsten über Musik? In der Musikpresse. Sei es analog als Zeitschrift oder digital als Blog oder Website. Logische Antwort. Aber für wen wird da geschrieben? Und – noch wichtiger – wer schreibt? Popkulturjunkies! Leute, die eher ein Literaturgeschichtliches Seminar an der Humboldt-Universität besucht haben als eine Vorlesung über Elektomotoren an der RWTH Aachen. Klar, diese Leute interessieren sich ja auch eher für Popkultur, wie wir oben festgestellt haben. Aber das ist mein Problem. Ich habe bisher noch nichts gefunden, womit ich mich wirklich identifizieren kann. Zum Beispiel die Intro: Von der Musik her genau meine Linie, wenn ich aber die Texte lese, denke ich nur zu oft „Soso, so stellt ihr euch also Leben vor…“ Das ist fies, weil diese Leute nur ihr Leben leben und dabei wahrscheinlich verdammt glücklich sind. Nur: Dieses Leben ist nicht meins. Und deswegen kann ich mit Musikpresse so wenig anfangen. Ich bräuchte eben den Ton-Ingenieur und nicht Spex (okay, zugegeben: Der Vergleich ist schief – Spex ist ja nun wirklich die Verkopfung der Popkultur, ich will dagegen nur Musikempfehlungen von Leuten mit meinen Werten und Idealen, nicht von ‚richtigen‘ Ingenieuren).

Deswegen bin ich auch ganz froh, wenn ich mir dann angucke, was zum Beispiel dieser ohne Frage popkulturbewegte Herr so bei 2Punk0 abfeiert. Denn dieser Schlag ins Gesicht der ach so geschmackssicheren Kritik ist erfrischend – auf der anderen Seite gibt es eben auch Zweifler und Untreue!

Zum Schluss: Wenn ihr das jetzt wirklich bis hier durchgelesen habt – ich mag euch trotzdem alle. Und wenn jemand mit mir zu den Konzerten gehen will, bin ich noch glücklicher!

6 Antworten to “Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein!”

  1. Gelesen, jedes Wort^^

  2. Gute Lektüre am Frühstückstisch.
    Irgendwie fühle ich mich da als angehender Ingenieur auch angesprochen und muss dir Recht geben.

    Dafür haben wir später die gut bezahlten Jobs und die Geisteswissenschaftler (das Wort finde ich schon sehr irreführend) sitzen auf der Straße. (Jaja, das war wieder übertrieben und fies)

  3. Gelesen, verstanden und für gut befunden.

    Dein Motiv, Ingenieur zu werden, gefällt mir. So denken Geisteswissenschaftler wohl auch, sie wollen halt mit ihren Gedanken in Erinnerung bleiben, Du mit Ingenieursleistungen. Und beide haben ihre Berechtigung. Aber dass es wirklich so schwer ist, in Deinem Studium Gleichgesinnte zu treffen, finde ich schon schade. Ich nehme an, eine P&P-Rollenspielrunde hättest Du sehr schnell zusammen.

  4. So schlimm ist es ja nicht. Ich finde ja genug Leute, mit denen ich weggehen kann oder so. Nur eben ist es schwierig, jemanden für Konzerte zu begeistern…

  5. Ha! Ich bin Popkulturist!

    Aber leider pass ich dann auch so gut wie gar nicht in das von dir beschriebene Bild. Verdammte Axt.

  6. Das hast Du nun davon, dass Du nicht massenkompatibel bist und dem Klischee entsprichst. Konzertbegleitung auch noch wollen, tss :)

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