Der Migrant in mir

Durch Zufall bin ich beim Paule (und nein, ich werde jetzt nicht verlinken, denn wer den Paul nicht kennt, braucht diesen Blog auch nicht zu lesen) mal wieder auf ein für mich faszinierendes Phänomen gestoßen. Wo genau spielt keine so große Rolle, aber wen es interessiert…

Um was geht es? Um den Glauben an den Volksdeutschen, der durch seine Herkunft Deutscher ist und sich somit vom Deutschen erster Generation unterscheidet, dessen Eltern aus der Türkei eingewandert sind und der nur durch die neue Gesetzgebung zur Staatsbürgerschaft in den Genuss des permanenten Aufenthaltsrechts gekommen ist.

Nun gut, ich denke, dass wir alle keine Probleme haben, letztere Person als einen Deutschen „mit Migrationshintergrund“ einzuordnen und einen Emsländer, dessen Vorfahren seit 900 Jahren immer auf dem selben Hof gesessen haben als einen „echten“ Deutschen. Aber was ist mit den Leuten dazwischen, was ist mit mir?

Ich bin seit meiner Geburt deutscher Staatsbürger, wie auch schon meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern. Ich wurde in Deutschland geboren, habe in Deutschland gelebt, Deutsch ist meine Muttersprache und ich fühle mich selbst als Deutscher. Auch wenn ich nicht blond und blauäugig bin, niemand hat bisher mein Zugehörigkeit zum Deutschen Volk in Frage gestellt und ich rechne auch nicht damit, jemals von Deutschen als Ausländer bezeichnet zu werden. Um den Ganzen noch einen draufzusetzen: Mein Opa ist Kriegsflüchtling aus Ostpreußen. Kurzum: Ich bin das Musterbild eines Deutschen – wenn, ja wenn da nicht mein Nachname wäre…

Denn ich heiße nicht etwa Müller, Meier oder Schmidt, mein Name endet auf -sky. Diese Endung weist meinen Namen als einen russischen Namen aus und bedeutet „aus“ in räumlicher Hinsicht. Nach kurzer Internetrecherche habe ich schon vor Jahren herausgefunden, dass irgendeiner meiner Vorfahren aus einem kleinen Dorf bei Krasnodar stammen muss. Wie diese Person auf Umwegen nach Ostpreußen kam (eventuell auf dem Weg zu einem Auswandererschiff in Königsberg?) weiß ich nicht. Fakt ist nur: Spätestens seit der Reichsgründung 1870 ist meine Familie deutsch.

Daher meine Frage: Bin ich denn nun ein Deutscher oder nicht? Und wenn die Antwort „ja“ lautet – warum akzeptiert ihr mich als Deutschen und einen 18jährigen Jungspund auf Testosteron nicht, nur weil er eventuell etwas tut, was nicht unserem Bild vom „Deutschen“ entspricht?

Natürlich kann man einwenden: Deine Familie ist schon so lange Deutsch, ihr habt euch doch längst assimiliert. Das stimmt. Allerdings war dies nur möglich, weil meiner Familie irgendwann einmal ein Platz in der deutschen Gesellschaft zugestanden wurde – etwas, was die Leute, die Deutsch-Türken das Deutschsein absprechen, diesen nicht ermöglichen, weil man ihnen immer wieder unter die Nase reibt, dass sie „undeutsch“ sind. Denkt einmal darüber nach, bevor ihr die Kinder türkischer Einwanderer wieder als Ausländer bezeichnet!

P.S.1: Wer meint, bei mir handelt es sich um einen Einzelfall, kann ja mal darüber nachdenken, wo die Nachnamen Jablonski, Sinkewitz, Wieczorek, de Maizière, Wibeau, von Düffel, Bossi oder Ronellenfitsch herkommen. Viel Spaß beim Knobeln!

P.S.2: Wer immer noch an den Volksdeutschen festhält, muss dann aber auch „B“ sagen und darf deutschstämmige Spätaussiedler nicht mehr pauschal als „Russen“ bezeichnen und mit jüdischstämmigen Russen, die permanentes Aufenthaltsrecht in Deutschland besitzen durcheinandermischen. Denn diese Leute können ja nun wirklich mit Fug und Recht behaupten, Deutsche zu sein. Und den Amerikaner mit dem Namen Bauer müsst ihr dann ebenfalls als euresgleichen akzeptieren, selbst wenn er kein einziges Wort Deutsch spricht…

9 Antworten to “Der Migrant in mir”

  1. Tötsch Says:

    Das mit dem Volksdeutschen, dessen Familie schon immer in Deutschland lebt, ist eh Humbug.

    Wir kommen alle aus Afrika, wahrscheinlich, deswegen ist es Quatsch, schon rein logisch gesehen, weil dann kannst man keinen großen Unterschied machen zwischen Leuten, die 150 Jahre früher oder später gekommen sind.

    Für mich ist man Deutscher, wenn man deutsch spricht, sich als Deutscher fühlt und Teil der deutschen Gesellschaft ist.
    Sogar wenn man ein Ausenseiter in der Gesellschaft ist, aber Teil der Gesellschaft ist man.

    Wenn man allerdings ein sehr gebrochenes deutsch spricht, und in seiner eigenen Gesellschaft lebt, dann ist man auch kein Deutscher, auch wenns im Pass steht.

    So leicht für mich, der Pass ist da trügerisch.

  2. Hm, seh ich anders. Wenn jemand in seinem Pass stehen hat, dass er Deutscher ist, ist er das für mich auch. Egal, wieviel Deutsch diese Person spricht. Ich bin da halt eher für ein Staatsbürgerverständnis wie in den USA oder Frankreich, wo der Geburtsort eine wichtige Rolle spielt. Im Endeffekt sagt eine Staatsbürgerschaft ja nur aus, zu welcher Verwaltungseinheit du gehörst und wieviele Rechte dir in einer anderen Verwaltungseinheit zustehen – jetzt mal grob vereinfacht…

  3. Deutsch bist Du, aber Du kannst 1000 Jahre in Schwabenland leben und wärst kein Schwabe :-)

  4. *lach*

    Ja, das steht zu befürchten – so wie ich wohl auch noch nach meinem Studium nur der Wessi sein werde…

  5. Tötsch Says:

    Naja, ist mir eigentlich egal, wer wo geboren wurde.^^
    Wobei, wer soll bei meiner Variante messen, wie deutsch man ist, damit mans sich auch in den Pass schreiben kann.

  6. Ich würde den BILD-Leserbeirat vorschlagen – die sind da garantiert gut drin…

  7. Tötsch Says:

    Die messen nur, wer Seite 1 Mädchen wird.

  8. sancho panda ist schon seit je her dafür dass staatsgrenzen und staaten an sich zerstört werden.
    genausowenig kann ich es auch verstehen dass jemand sowas als argumentationsgrundlage hernimmt… genausowenig dass unterschiede deswegen gezogen werden.
    aber mal davon abgesehen, regt es am meisten auf dass hierachische strukturen darauf zurückgeführt werden, dass diese oder jene völker “besser” seien.

  9. Das muss ich mir als Volksdeutscher nicht von einer KROATIN anhören…

    .
    .
    .

    Das war jetzt nicht ernst gemeint!

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