Darf man über Hitler lachen?

[Nachträgliche Änderungen wurden kursiv gesetzt. – Der Verf.]

Diese Frage geisterte ja in letzter Zeit durch die Medien. Und da ich gerade nichts besseres zu tun habe, werde ich eben schnell meine ureigene Meinung zum Thema abgeben.

Was ist der Sinn eines Witzes? Ganz klar: Abgrenzung vom Thema des Witzes, moralische oder allgemeine Überlegenheit ausdrücken. Klassisches Beispiel: Blondinenwitze. Dadurch, dass er Blondinen lächerlich macht, drückt der Witzeerzähler seine eigene Überlegenheit gegenüber blonden Menschen aus. Ob zu Recht oder nicht ist dabei zweitrangig; in erster Linie geht es einfach darum, dass eigene Selbstbewusstsein aufzupolieren. Zwar gibt es auch andere Witze, aber Hitlerwitze sind an sich immer in dieser Kategorie anzusiedeln. Es geht darum, Hitler lächerlich zu machen, um die eigene moralische und menschliche Überlegenheit darzustellen.

Darf man das? Oder wird man da einem der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte nicht gerecht? Müsste man nicht eigentlich ernst an diese Sache herangehen? Verspottet man die Opfer, wenn man sich über Hitler lustig macht?

Um meine Meinung darzulegen, muss ich ein bisschen ausholen und ein wenig mit, nun ja, Geschichte nerven. Hitler und die anderen Nazigrößen waren in erster Linie Menschen. Genauer gesagt: Junge Männer. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das, was mich immer wieder am Aufstieg der Nazis fasziniert, ist die Tatsache, dass zum ersten und bisher letzten Mal eine Jugendbewegung die Macht in Deutschland übernahm: Hitler war während der Machtergreifung keine 44 Jahre alt, Himmler gerade einmal 32, Goebbels 35. Das mag auf den ersten Blick nicht besonders jung wirken, wer sich aber anguckt, wie alt Politiker normalerweise sind, wenn sie in entscheidende Positionen rücken und wie lange die Nazis schon als politische Bewegung aktiv waren, merkt, dass die Nationalsozialisten DIE Jugendbewegung schlechthin waren. Zum ersten Mal konnten junge Menschen Verantwortung übernehmen, wenn sie nur engagiert genug waren. Das ist es, was für mich den Erfolg der Nazis ausmacht; Hitler war für viele kein Dämon, sondern die Verwirklichung eines Traumes: Der junge, aufstrebende Deutsche, der Macht und Einfluss hat – auch international. Damit hatte man schon die Hälfte der Bevölkerung hinter sich, vor allem die Jugend, die den Nationalsozialismus in der Gesellschft verankern sollten.

Dies entschuldigt keineswegs die blinde Gefolgschaft, kann aber zumindest erklären, warum eine Diktatur, die von Anafng an auf den „erlösenden“ Krieg hinarbeitete, mit einer solchen Unterstützung arbeiten konnte. Die (jungen) Deutschen waren mit der Dolchstoßlegende aufgewachsen und entsprechend interessiert an einer Wiedergutmachung der „Schande“ des Vertrags von Versailles. Und anscheinend nahm man für den Wahn eines neuen, selbstbewussten und starken Deutschlands auch einige Lappalien wie fehlendes Recht auf Meinungsäußerung, totale Vereinnahmung durch den Staat und Wehrtraining ohne größeren Widerspruch hin.

Natürlich gab es auch genung Leute, die gegen Hitler waren. Diese konnte man aber ziemlich einfach mit den Mitteln der Diktatur klein halten. Mein klassisches Beispiel: Hätte ich in den Dreißigern gelebt, ich wäre (wahrscheinlich – ein klares „Nein“ wage ich nicht zu geben, da auch mein Wissensstand und meine Lebensumstände andere gewesen wären) ein Mitläufer gewesen. Ich wäre zwar (wahrscheinlich – siehe oben) nicht der NSDAP beigetreten und mich kaum positiv über den Führer geäußert, aber erst Recht wäre ich nicht negativ aufgefallen. Ich hätte viel zu viel Angst vor SA, SS und Gestapo gehabt. Dass das auch bei vielen anderen so gewesen sein wird, halte ich für durchaus denkbar; schließlich konnte jeder Bürger der Presse entnehmen, was mit den Juden passierte oder dass politische Gegner verhaftet wurden. Die Behauptung, man habe nichts gewusst, wird auf jeden Fall immer mehr als nachträgliche Verklärung der Realität entlarvt.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Nazis waren keine Dämonen, nicht die Reinkarnation der apokalyptischen Reiter oder Satans Fußvolk. Sie waren Männer, die sich im Rausch der Macht zu Herren über Tod und Leben aufgeschwungen haben. Und als solche sollten sie auch behandelt werden. Dazu gehört auch, dass man für seine Fehler geradestehen muss und mit Hohn und Spott konfrontiert wird, wenn man solche begeht. Nicht dazu gehört aber die Verklärung in ein überirdisches Wesen, dem man sich gesondert nähern muss; das führt nur zu einem Heldenkult, den man ja eigentlich vermeiden möchte…

Kehren wir zur Ausgangsfrage zurück: Darf man über Hitler lachen? Gegenfrage: Darf man über George W. Bush lachen? Darf man über Paris Hilton lachen? Wer diese Fragen mit „Ja“ beantwortet, darf meiner Meinung nach auch über Hitler lachen. Er war letztendlich ein Mensch und ist damit genauso hinterfragbar wie ich oder Angela Merkel oder der letzte Kaiser von China. Wenn ich aber sage: Über Hitler darf man keine Witze machen, aus welchen Gründen auch immer, dann mystifiziere ich ihn und stelle ihn nicht mehr auf eine Stufe mit allen anderen Menschen, sondern abseits. Das darf aber in meinen Augen nie geschehen. Um zu verhindern, dass Völkermorde wie der Holocaust oder der Genozid in Ruanda sich nicht wiederholen, müssen wir verinnerlichen, von wem sie begangen wurde: Von ganz normalen Menschen wie uns selbst.

Darum ist es in meiner Meinung sogar positiv, wenn Hitler lächerlich gemacht wird. Denn man kann sich nicht mit einer Witzfigur identifizieren. Jeder Witz über Hitler, vor allem über siene Schwächen, ist ein Schlag ins Gesicht für alle seine Anhänger. Für Neonazis ist Hitler ein Märtyrer – und über Märtyrer macht man sich nicht lustig! Das muss ausgenutzt werden. Hitlers Strahlkraft, gerade für Jugendliche, verliert schnell, wenn er nicht mehr als Tabu-Thema und mysteriöses Wesen zwischen Teufel und Messias dargestellt wird, sondern als ein ganz normaler Mensch, der Schwächen hatte und auch aufs Klo ging.

Darum: Über Hitler zu lachen ist in meinen Augen absolut legitim!

Anschauungsmaterial:

Leasingvertrag

Der Bonker

Monty Python – Hitler in England

Li’l Hitler

Hitler sings BORN TO BE ALIVE

Hitler freut sich

Hitler hatte nur ein Ei

Springtime for Hitler

The Whitest Kids – Hitler Rap

Hinweis: Meine Analyse der Nazizeit ist NICHT wissenschaftlich untermauert, sondern nur meine ganz persönlich Einschätzung aufgrund der Bücher und Filme, die ich bisher gesehen habe.
Gleichfalls sind die aufgelisteten Beispiele für Witze über Hitler nicht zwangsläufig mit meinem Humor kompatibel; sie dienen nur der Illustration.

8 Antworten to “Darf man über Hitler lachen?”

  1. Naja, ich bin ja eigentlich der, der bei langen Artikeln immer weiterklickt, aber den hier musste ich mal lesen und ich finde Deine Ansicht dazu wirklich gut. Der Sachverhalt, dass die Leute so jung waren, war mir bisher noch nicht so klar, aber Du hast völlig recht damit.
    Ich finde es auch richtig, über Hitler zu lachen und dass man damit die Neonazis trifft, finde ich auch sehr gut!

  2. Also deinen Analyse der Nazizeit ist… interessant. Aber die ist ja nicht das Thema dieses Beitrags^^

    Ich bin ebenfalls der Meinung, dass über Hitler gelacht werden kann, darf, soll! Es freut mich zu sehen, dass du genau meiner Meinung bist (Nicht-Identifizierung mit einer Witzfigur, lächerlich-machen der Person an sich).

    Und zu den Witzen… Den Bonker find ich klasse, das Born to be alive, da kann ich ebenfalls drüber lassen. Dieser holländische Sketch [ist von mir wieder gelöscht worden – Anm. d. Admin.] ist unter aller Sau… Und den Rest guck ich mir an und… lache;)

  3. Wer glaubt mit Lachen über Hitler den Nazis die Ikone zu nehmen, der kann auch mit Witzen über Paris Hilton die Dummheit besiegen. Falls es aber doch funktioniert wäre es der Hammer: Probleme weglachen.

    Das mit dem Alter der Naziführer ist in der Tat ein interessanter Aspekt. Aber ich glaube er ist typisch für revolutionäre (im Falle der Nazis halbrevolutionäre) Machtergreifungen. Genosse Lenin oder Fidel waren auch in ihren besten Jahren, als sie mit der Knifte in der Hand die bestehenden Machtverhältnisse in Frage stellten.

    Im Grunde zeigt diese Frage “Darf ich über Hitler lache?” immer noch die typisch deutsche Scham vor der eigenen Vergangenheit, die hauptsächlich darin begründet liegt, dass uns der “Führer” genommen wurde. Kein Mensch käme auf die Idee Witze über Honecker in Frage zu stellen, weil der ja durch den volkseigenen Befreiungsprozess zum Teufel gejagt wurde und damit außerhalb steht. Hitler steht aber durch die totalte Niederlage innerhalb und der saloppe Witz erinnert die Deutschen nur an ihr Versagen.

    Dazu kommt die Erschwernis, dass guter Witz eine gute Doppelebene braucht. Das bedeutet aber auch, sich einer Sache substantiell zu nähern. Das tut wie gesagt bei Hitler weh, weshalb der deutsche Hitlerwitz in meinen Augen immer nur blöden Klamauk darstellt. Was weder Hitler schadet, noch dem Umgang mit ihm nützt. Die Frage sollte vielleicht auch lauten: Wann werden die Deutschen gute Witze über Hitler machen können? (Das bedarf nämlich einer erfolgten inneren Veränderung und kommt nicht immer mit der Moralkeule).

    Ping Pong also zurück: Wer darf Hitlerwitze überhaupt in Frage stellen?

  4. @Caipi:

    Das mit den Witzen: Klar, es wird immer wieder gute Sachen und es wird immer wieder schlechte Sachen geben. Es ist ja auch nicht jeder Dubya-Witz lustig!

    Zu dem, dass du die Analyse der Nazizeit interessant findest: Wenn es dich irritiert, dass die Nazizeit bei mir zu gut weg kommt (was bei nochmaligem Lesen zumindest so scheint) – ich sympathisiere nicht mit den Nazis, keine Angst! Ich werde mich gleich dran setzen und das ganze noch einmal überarbeiten.

    @ZensurZebra:

    Guter Punkt. Nur: Solange es bei FAZ, SZ, Spiegel, ZEIT und [beliebiges Medum einsetzen] Feuilleton-Redakteure gibt, wird es immer wieder solche Phantomdebatten geben. Die Leute wollen zumindest den Eindruck erwecken, dass sie kulturelle Relevanz besitzen. Dass die Debatte (zu Recht) niemanden interessiert hat, zeigt einmal mehr, dass dies nicht der Fall ist…

  5. Es gab ja auch während der Nazizeit Witze über den Führer und seine Chargen… Im Zweiten kam mal eine Sendung, die hieß “Heil Hitler, das Schwein ist tot”- was da für Witzbeispiele genannt wurden, fand ich schon lustig^^ Und grade diese Witze sind auf einem sehr hohen Niveau (meistens), da ein politischer Witz, dessen Pointe zu auffällig war, für Ärger (lapidar gesagt) geführt hätte… Den Schweinewitz hab ich inzwischen auch schon mit Stalin, Ulbrich, Honecker und Bush gehört^^

  6. Lucky#Slevin Says:

    Respekt, MuGo, du bringst es echt immer wieder irgendwelche Themen anzusprechen und so raffiniert auszuarbeiten, dass ich mir immer wieder denke: VERDAMMT! Er hat recht. Und du hast wirklich recht mit deiner Einstellung zu sagen, aber Hitler zu lachen muss sein bzw sollte sein, wenn man über andere Menschen genauso lachen kann. Also, thumbs up!

  7. Ich denke auch das Hitler-Witze vollkommen in Ordnung sind. Kanns verstehen wenn sich Leute dadurch angegriffen fühlen aber das ist noch mal ein anderes Thema.
    Ist übrigens ein interessantes Argument das mit dem Eingestehn dass die Deutschen versagt haben etc.

  8. ohne mich nun noch weiter in die Debatte einzumischen wollte ich mal anmerken:
    Heute Abend um 20.15 auf “eins extra” kommt eine Sendung über Humor im Dritten Reich Namens “H… Hitler, das Schwein ist Tod”.

    Hat ja mehr oder weniger direkt mit dem Thema zu tun.

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