Terroristen über Deutschland!

Gerade eben fiel mir die Leserbriefseite der Süddeutschen vom Samstag in die Hände. Thema war die leidige Diskussion um den Abschuss von von Terroristen entführten Flugzeugen, der in Deutschland dummerweise durch das Grundgesetz verboten ist.

Unabhängig von der unbedingten Notwendigkeit eines solchen Gesetzes – Wie viele Flugzeuge sind noch einmal nach dem 11.09.01 aus terroristischen Motiven entführt worden? Null? -, übersehen alle Kritiker einen wichtigen Punkt. Aber der Reihe nach…

Erst einmal: Was könnte denn Ziel eines Terroranschlags aus der Luft sein? Es muss etwas prestigeträchtiges und bekanntes sein und möglichst auch viele Tote fordern. Was gibt es da in Deutschland?
Als erstes natürlich die Atomkraftwerke; ich würde sogar noch weiter gehen und auch große Chemiewerke wie Bayer und BASF nennen.
Aber auch die Frankfurter Skyline bietet sich an oder der Reichstag (letzterer setzt aufgrund der geringen Höhe aber schon großes fliegerisches Können vorraus!).
Ein gern genommenes Szenario ist auch der Anschlag auf ein vollbesetztes Fußballstadion; hier müssten besonders Dortmund, München, Berlin und Gelsenkirchen mit ihren modernen Arenen mit großem Fassungsvermögen an ausverkauften Spieltagen bangen, wobei ich nicht bei allen Arenen weiß, ob sie sich gut in einem flachen Winkel anfliegen lassen würden.
Ein seltsamerweise wenig durchgespieltes Szenario ist der unkontrollierte Absturz in einer touristisch interessanten Stadt wie München, Dresden oder Köln. Dabei würden die Terroristen eine Landung über dem Stadtgebiet einleiten, wobei sie zwangsläufig irgendwann mit Gebäuden in Kontakt kämen; dies würde zum Absturz führen und eine Schneise der Zerstörung schlagen bis das Flugzeug irgendwann zum Stillstand käme – gerade in der Münchner Innenstadt würde dies an einem sonnigen Ferientag zu einer beträchtlichen Anzahl an Toten und Verletzten führen.
Was für mich weniger in Frage kommt sind Anschläge auf Hochhaussiedlungen wie Berlin-Lichtenberg, Hamburg-Mümmelmannsberg oder Bremen-Tenever. Diese setzen zwar geringeres fliegerisches Können vorraus, sind aber nicht sonderlich prestigeträchtig, da es sich um Sozialwohnungen handelt.

Was fällt bei diesen Szenarien auf? Die meisten würden sich in Städten ereignen und richtig effektiv wären wohl nur die Anschläge auf die Stadien und die Atomkraftwerke – alle anderen würden sich eher im Bereich der Opferzahlen des 11. Septembers bewegen, wenn nicht sogar nur im dreistelligen Bereich. Behalten wir das im Hinterkopf!

Nehmen wir also an, Terroristen planten tatsächlich einen Anschlag mit dem Flugzeug. Sie schaffen es durch die Sicherheitskontrollen und gelangen an Bord. Dort bringen sie das Cockpit unter ihre Kontrolle und ändern den Kurs.
Hier beginnt schon das erste Problem für die Bodenkontrolle: Handelt es sich bei der Entführung um einen geplanten Terroranschlag oder um die Tat eines Verwirrten, der dem Piloten verbietet, mit der Flugsicherung Kontakt aufzunehmen. Beides ist in etwa gleich unwahrscheinlich. Der Logik eines Flugzeugabschussgesetzes folgend muss Letzteres und der damit verbundene enstehende Kollateralschaden vernachlässigt werden – was nützt ein solches Gesetz, wenn man nicht schnell handeln kann, weil man erst das Ziel des entführten Flugzeugs ermitteln muss? Genau: nichts.
Die Bundesregierung wird also informiert, die der nächsten Bomberstaffel, die immer ein oder mehrere Jets für diesen Fall bereit halten muss, den Befehl gibt, das Flugzeug zu verfolgen. Sagen wir, dass das ganze 20 Minuten dauert, weil alles reibungslos und schnell geht und es an keiner Stelle zu Verzögerungen kommt. 30 Minuten nach der Kursänderung wird das Flugzeug also von zwei Jets verfolgt, die es jederzeit abschießen können.
Glücklicherweise haben die Terroristen, obwohl Deutschland ein kleines Land ist, ihr Ziel noch nicht erreicht. Ihr Flugzeug fliegt weiterhin, sagen wir, in Richtung Berlin. Noch kann man sich nicht ganz sicher sein, ob es sich wirklich um Terroristen handelt. Doch der Jetpilot muss jetzt handeln: In wenigen Minuten wird das Berliner Stadtgebiet erreicht! Würde er das Flugzeug erst dort zerstören müsste man mit hunderten Toten rechnen, die von Trümmerteilen erschlagen oder durch nach dem Einschlag erfolgten Explosionen und Bränden verbrannt wurden; der erhoffte Nutzen wäre also ad absurdum geführt worden. Der Pilot zögert noch kurz, löst dann aber doch den Feuerknopf aus. Leider wird das Flugzeug nicht richtig getroffen, sondern nur ein Flügel abgeschossen. In einem riesigen Feuerball fliegt die Maschine auf die Erde – und genau in eine Kleinstadt, die sich dort zufälligerweise befindet. Der vereitelte Terroranschlag kostet im Endeffekt immer noch Hunderten das Leben und zerstört anderen die Existenz.

Unrealistisch? Nicht unbedingt; Deutschland ist eines der am dichtesten besiedelten Länder der Welt und zumindest im Westen extrem zersiedelt – die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ort von Trümmerteilen in Mitleidenschaft gezogen wird ist riesig. Vor allem wenn man bedenkt, dass aufgrund der geringen Flugzeiten innerhalb Deutschlands die Flugzeuge erst ziemlich spät und wohl mithin schon im Speckgürtel der anvisierten Stadt zerstört werden könnte.

Was ist aber mit den Atomkraftwerken? Sicher, so würde sich z.B. Krümmel durch seine Nähe zu Hamburg als geeignetes Ziel anbieten (von den Folgen ganz zu schweigen, egal bei welchem AKW). Dennoch könnte ein Flugzeug mit großer Wahrscheinlichkeit in ländlichem Gebiet „entsorgt“ werden. Wieso sollte es dann nicht die Möglichkeit geben, das Flugzeug abzuschießen? Aus zwei Gründen: Erstens weil eine große Wahrscheinlichkeit immer auch eine kleine Wahrscheinlichkeit fürs Gegenteil beinhaltet.
Und zweitens? Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Jeder Mensch hat ein Anrecht darauf, dass ihn der Staat vor Gewalt schützt. Wenn der Staat aber beschließt, dass er bestimmte Menschen nicht mehr schützt und im Gegenteil ihren Tod billigend in Kauf nimmt, kann der Bürger nicht mehr in den Staat vertrauen; er ist Willkür ausgesetzt und muss jederzeit damit rechnen, dass ihn der Staat ohne Vorankündigung und Begründung töten kann – einfach, weil der Staat es für nötig hält. Und dies darf NIE passieren!

Es geht nicht so sehr darum, ob es nicht gerechtfertigt ist, einen Super-GAU (und den damit verbundenen Tod tausender, eventuell sogar Millionen von Menschen) zu verhindern, indem er einige Hundert opfert. Eine Rechtfertigung ist das sicherlich, im Endeffekt geht es ja auch mehr um die Frage, ob sie moralisch sauber ist. Und hier sage ich definitiv: Nein!
Wenn man ein solches Gesetz umsetzen würde, würde man einer staatlichen Stelle die Macht geben, über den Tod seiner Bürger zu entscheiden. Diese Machtfülle steht dem Staat aber nicht zu. Mag sie in diesem speziellen Fall auch noch so sehr einleuchten: Im Endeffekt würde dieses Gesetz auch die Todesstrafe oder die Folter wieder ermöglichen. Nicht sofort, aber längerfristig gesehen sehr wohl – schließlich kann man niemandem erklären, warum der Staat nicht töten soll, wenn er doch sogar den Tod erwiesenermaßen Unschuldiger billigend in Kauf nimmt.

Natürlich kann niemand ernsthaft in Zweifel ziehen, dass der Staat im Zweifelsfall die bessere Entscheidung trifft, wenn er ein Flugzeug abschießt, bevor er es in ein AKW fliegen lässt. Aber er darf dies nicht aufgrund von Gesetzen. Soviel sollte uns ein Mensch noch wert sein, dass wir ihm nicht wegen einer so lächerlich unwahrscheinlichen Bedrohung wie einem terroristischen Anschlag aus der Luft das Recht auf Leben absprechen!

12 Antworten to “Terroristen über Deutschland!”

  1. Tötsch Says:

    Hm sehr interessante These, ich denke aber trotzdem das ein solches Gesetz sinnvoll ist, da es Leben retten könnte, man muss allerdings einen Weg finden, durch weiter Gesetze zu sichern, das zB Foltern nie erlaubt wird (was ja auch Leben retten könnte, wenn man dadurch eine Bombe entschärfen würde).

  2. Sicher, das ganze ist ein heikles Thema: Gerade im Fall Metzler oder im hier beschriebenen Szenario zeigt es sich, dass auch in der Moral nicht alles schwarz oder weiß ist, sondern fließende Übergänge bestehen.
    Ich tue mir da auch nicht leicht, aber im Endeffekt denke ich mir, dass das Risiko so gering ist, dass es besser ist, unser Grundgesetz nicht auszuhebeln. Aber sicher, bei diesem Thema kann niemand von sich behaupten, die absolute Wahrheit zu kennen…

  3. Wie MuGo schon sagte, darf der Staat diese Macht nicht haben. Er muss das Leben jedes einzelnen Menschens der in ihm lebt schützen und kann nicht bei einigen, aus welchen Gründen auch immer, eine Ausnahme machen. Zumindest nicht per Gesetz.

  4. Tötsch Says:

    Natürlich sollte der Staat alle schützen, aber dieses Problem ist glaub ich so alt wie die Menschheit:

    Darf ich einen Menschen töten, um andere zu retten?
    (Das Notwehr da nicht zugehört ist klar)

    Als Privatperson muss da jeder seinen eigenen Weg wählen, als Staat aber ist es schwieriger, weil wie gesagt die Gefahr der Willkür droht dass der Staat es so darstellen könnte das es notwendig war um andere zu retten, ist eine schwierige Sache.

  5. Ich muss dein Szenario korrigieren.

    Als Terrorist musst du dich nicht an die vorgeschriebene bzw. empfohlene Sinkrate halten. Du kannst in praktisch jedes Haus reinfliegen. 4 Meilen vor dem Stadion sollte man auf einer Höhe von 600-800 Metern sein. Das ist in Deutschland machbar, da kaum ein Gebäude die 600m Marke erreicht. Anschließend reduziert man die Turbinenleistung(oder Propellerdrehzahl) und gleicht den Höhenverlust noch kurzzeitig durch hochziehen der Nase aus. 2 Meilen vor dem Ziel senkt man die Nase extrem stark, so dass man kerzengerade nach unten saußt.

    Ein Problem käme noch dazu: Belastung der Tragflächen und des Rumpfes. Je abrupter die Kursänderung desto höher die Belastung. Deswegen muss der Terrorist sehr erfahren sein oder den Rumpf ggf. wie einen Stein ins Stadion krachen lassen.

    Anmerkung für den BND: Diese Gedanken dienen keiner Planung für einen terroristischen Akt und ich distanziere mich von allen nur möglichen Gruppierungen die solche Methoden zur Kriegsführung benutzen. Der Sitebetreiber darf in meinem Einverständnis die IP von mir herausgeben.

    Wollt mich nur noch selber absichern. ;)

  6. @Phil:

    Vielen Dank für diese erweiterten Ausführungen. Man will ja nicht lügen. Und im Anti-Terror-Kampf kann man sich keine Nachlässigkeiten erlauben…

  7. Das Gesetz ist unsinnig und nutzlos.
    Warum?
    Weil es einfach , wenn angewandt immer nur das Gegenteil des Gewünschten erzeugt.

    1. Nützt nicht als Abschreckung.
    Es erzeugt keine Abschreckung von Terroristen, die ohnehin schon auf dem Selbstmordweg sind.

    2. Praktisch nicht einsetztbar. Der Flug München – Berlin dauert 1 Stunde. Bis erste Kampfflugzeuge ihr ZIel erreichen vergehen 20-30 Minuten.
    Das Flugzeug müßte also als gekidnapt innerhalb der ersten 10-20 Minuten des Fluges erkannt werden, ansonsten wären wir ja schon auf dem Anflug in Berlin. Wenn nun also der Funkkontakt der Crew nach denm Takeoff in München abbricht, was durchaus mal vorkommt, ist das dann ein Flugzeug, das gekapert wurde oder ein Flugzeug mit abgebrochener Antenne?
    Sollte jedes Flugzeug das mal keinen Funkkontakt hat in Deutschland abgeschossen werden?
    Dann würde Fliegen aber hundsgefährlich werden.
    Also bleibt nur abwarten in solch einem Falle, dann sind wir aber schon wieder über Berlin.

    3. Ein Abschuß verhindert gar nichts, sondern verschlimmert noch die Situation. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden in Deutschland besiedelte Gebiete betroffen. Denn ein Abschuß ist im Grunde nur die Vorwegnahme des Absturzes. Es hat den selben Effekt. Wollen Sie meine Damen und Herren in der kleinen Ortschaft am Rande Münchens wohnen, die geopfert wird zugunsten einer Schadensvorwegnahme, die “größeres” verhindert?

    4. Aufgabe der Staatsmacht ist der Schutz des Bürgers. Immerhin wählt man die Leute zur Vertretung der eigenen Interessen. Wenn die Staatsmacht aber zum Mörder der eigenen Bürger wird, dann kann man diese nur abwählen.

    Und das ist ja dann auch geschehen. Und sollte wiederum geschehen, wenn diese Koalition nicht endlich das gesamte Luftsicherheitsgesetz abschafft und gegen Maßnahmen gegen Terroristen austauscht, anstatt der jetzigen Maßnahmen gegen die eigenen Bürger.

    Harti

  8. @Harti:

    Ähhh, ich will dir ja nicht zu Nahe treten, aber hast du dir meinen Artikel mal durchgelesen? Mir kommt das alles nämlich irgendwie bekannt vor und da ich dir nicht Dummdreistigkeit unterstellen möchte…

  9. […] Regelpaket für den Fall des Falles? Oder gar eine Grundgesetzänderung? Ich habe schon einmal geschrieben, warum es lächerlich ist zu glauben, im Falle eines Falles reagie… – außer natürlich, der Entführer gibt rechtzeitig bekannt, wohin er zu fliegen gedenkt. […]

  10. […] langer und reiflicher Überlegung geht die Ehre an Harti. Denn er (oder sie) war so dummdreist, meinen Artikel zusammenzufassen und trotzdem als […]

  11. NRj_66 Says:

    Sehr schön Mugo. Wenn du das „Arschloch Mathe“ immer noch nicht magst, hätte ich da Alternativen für Dich.

    Aber warum denkt Ihr alle so quer ???

    Ich z.B. könnte jederzeit beim Bayer Phosgen entweichen lassen und dafür sorgen, das es keine Ammoniakwolke gibt.

    Und was ich kan, sollte Bin Geladen und Co. schon lange können.

    Wieviele Tote es dann gibt, darüber gibt es schon „Fallstudien“.

    Sollten wir nicht wirklich besser dafür sorgen, das niemand mehr so Pläne plant ???

  12. […] für den biometrischen Reisepass angeführt wird. Schließlich hat das Ganze ja einen guten Grund: Den Krieg gegen den Terror! Denn wie wir alle wissen, müssen Terroristen für Terroranschläge ersteinmal einreisen. Dazu […]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: