Patriotismus, Populismus und Infantilismus

Als ich heute ganz unschuldig meinen Computer anmachte, wusste ich noch nicht, was mich erwartete. Ein Freund schickte mir diesen Link. Unschuldig öffnete ich ihn, allerdings aufgrund des Titels („Schlägerei zwischen Polizei und Türken“) schon mit einer leisen Vorahnung. Ich wurde nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Heute gegen 14.00 Uhr begann ich, die Menschheit zu hassen.

Entsprechender Link führt zu einer Website, auf der eine Reportage von „taff“ gezeigt wird. Dieser Bericht handelt von einer Prügelei zwischen einer arabischstämmigen Familie (fälschlicherweise als Türken bezeichnet) und der Polizei. Der Hintergrund ist eine Routinerazzia, bei der der Diebstahl einer Digitalkamera aufgeklärt werden soll. Zufälligerweise wird dabei ein Mann entdeckt, der abgeschoben werden soll (warum wird nicht erläutert). Die Polizei will ihn mitnehmen, die Situation eskaliert, es gibt eine heftige Prügelei, am Ende sind drei Polizisten verletzt. Um zu Deeskalieren geht die Polizei deshalb auf die Forderungen des Mannes ein, die da sind: Begleitung vom Anwalt und die Fahrt zum Präsidium findet in einem Zivilwagen ohne Handschellen statt. Am Ende sitzt der Gesuchte also in Abschiebehaft.

Ich hatte erwartet, dass einige Kommentare schreiben würden à la „Ja, ja die Türken – so sind sie halt…“ und „Kriminelle Ausländer sofort abschieben!“ – die Meinungen einiger Unbelehrbaren, die in der Anonymität des Internets ausnutzen, um ihre aufgeschnappten Stammtischparolen zum Besten zu geben. Und das gleichzeitig irgendwelche Antifas dagegenhalten würden – eventuell mit Unterstützung irgendwelcher Gutmenschen wie mir, die versuchen sachlich zu bleiben.

Mir schlug der blanke HASS entgegen. Kommentare wie: „Ich habe nichts gegen Ausländer – aber so jemand gehört abgeschoben!“ waren mit am ausgewogensten (und mein Gott, dass ist eine Position, mit der ich leben kann – da ist ja noch nicht alles verloren und eventuell sogar noch Diskussionsbereitschaft vorhanden!). Das meiste waren aber Kommentare wie diese:

Armes Deutschland! Man traut sich kaum vorzustellen wie sich unsere lieben “Mitbürger” erst aufführen werden, wenn sie in diesem unserem land die Mehrheit darstellen, wenn wir nicht bald große Rückführungsaktionen starten und eine nationale Opposition im Reichstag haben, wird zum kampf gegen uns deutsche ungläubige wohl in 15 jahren aufgerufen.
Tim, NPD Frankfurt

oder

direkt vergasen die schweine!
rico

Noch nicht genug? Wie wäre es hiermit:

ich asse solche leute,
hätte ich des geshen wär ich gleich mim messer hin und hätet diese verficktenspacken türken umgbracht…
Kiwis

Die Letzteren sind natürlich schon sehr krass, aber in diese Richtung ging die große Mehrheit der Kommentare. Dazu der typische Ich-bin-ein-voll-gebildeter-Nazi-Typ, der das „Grund Gesetzt“ (sic!) auf 1947 datiert…

Es ist wirklich unglaublich, was für eine Stimmung bei einigen herrscht. Da kann man nicht mehr einfach nur den Kopf schütteln – hier ist für mich eine Grenze erreicht, an der man Flagge zeigen muss.

Klären wir erst einmal das Grundsätzliche: Ich bin Patriot! Ich bin durch und durch Deutscher und ich stehe auch zu Deutschland. Seitdem ich aus Ecuador zurückgekommen bin, bin ich überzeugt vom positiven Patriotismus. Ich bin zwar nicht stolz darauf, Deutscher zu sein (dafür kann ich schließlich nichts, die Staatsbürgerschaft wurde mir einfach so gegeben), aber ich bin stolz auf Deutschland. Für mich gibt es keinen besseren Platz zum Leben, denn hier kann ich so sein wie ich möchte, ohne dass ich anecke. Hier kann ich mich verwirklichen, weil jeder meine Sprache und meine Art versteht, denn beides ist typisch deutsch. Bei allen Problemen, die es in Deutschland gibt: Ich möchte, dass dieses Land eine Zukunft hat und darum setze ich mich gerne für den Staat ein (zum Beispiel als Wahlhelfer).
Mein Deutschlandbild ist trotz aller negativen Geschichten immer noch positiv – oder war es zumindest bis vorhin. Auch wenn ich immer noch eher links als rechts bin: Ihr könnt mir nicht vorwerfen, ein Vaterlandsverräter zu sein!

Gerade als Deutscher sehe ich es als meine Pflicht an, gegen Radikalismus in jeglicher Form zu kämpfen. Und ihr seid asoziale Radikalinskis, bei aller Liebe!

Analysieren wir das ganze doch einmal genauer:
1.) Die Polizei rückt wegen einer gestohlenen Digitalkamera an. Das ist ihre Pflicht, also läuft alles korrekt ab.
2.) Der gesuchte Mann soll abgeschoben werden – eure Erwartungen an den Staat werden demnach erfüllt.
3.) Die Polizei versucht nach einer Weile, den Mann gewaltsam festzunehmen, was zu der Prügelei führt – ganz klar Widerstand gegen die Staatsgewalt. Mag die Familie sich auch im Recht fühlen, sie ist es definitiv nicht.
4.) Um zu Deeskalieren geht die Polizei auf die nicht gerade überzogenen Forderungen des Mannes ein. Man mag es – wie ich – für etwas fragwürdig halten, dass er (der übrigens nicht in die Schlägerei involviert war) keine Handschellen anlegen muss, aber dafür geht das ganze gewaltfrei über die Bühne.
5.) Der Mann kommt in Abschiebehaft – wo ihr ihn auch haben wollt.
6.) Am Ende wird gesagt, dass sich die an der Prügelei beteiligten wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten müssen – also für das Delikt, das sie begangen haben.

Ich sehe nichts an der Geschichte, was inkorrekt abgelaufen wäre – mit Ausnahme der Handschellen, über die kann man nun wirklich streiten. Ihr wollt aber alle gleich abschieben; wofür? Der Mann soll doch eine Strafe erhalten – also soll er ins Gefängnis! Oder glaubt ihr, strafffällige Deutsche im Ausland werden abgeschoben? Die Deutschen in ecuadorianischen Knästen würden sich freuen! Da zählt auch nicht, dass das Deutschland was kostet. Wenn wir nicht in der Lage sind, eine Gesellschaft ohne Straftaten aufzubauen (was immer nur eine Utopie sein kann!), dann müssen wir auch die Vergeltung verüben – und die heißt in Deutschland Gefängnis! Nennt mich naiv, aber ich bin nun einmal davon überzeugt, dass man seine Strafe dort absitzen soll, wo man die Straftat begangen hat – zu den örtlichen Bedingungen. Wenn in Singapur eine Deutsche einen Drogenring aufbaut und dafür hingerichtet werden soll, bin ich dagegen, weil ich gegen die Todesstrafe bin! Aber wegen mir kann sie da lebenlänglich im Knast versauern – schließlich hat sie da Scheiße gebaut, ob man die Strafe überzogen findet oder nicht.

Und warum ihr euch einerseits als „Hüter des Rechtsstaats“ und des „gesunden Volksempfinden“ aufführt, andererseits aber die Lynchjustiz propagiert, das verstehe wer will. Ich bin stolz auf Deutschland, weil sogar jemand wie der Typ aus dem Film das Recht auf einen Anwalt und einen fairen Prozess hat! Weil ich mich darauf verlassen kann (können sollte), dass mir Gerechtigkeit widerfährt – auch wenn die BILD meinen Kopf will! Vertraut ruhig eurem Führer – ich vertraue dem Grundgesetz.

So, das musste sein – ich musste mich einfach einmal abreagieren. Deutschtümelt ihr ruhig weiter herum, während ich was von der Welt sehe. Vielleicht erstickt ihr dann ja in eurem eigenen Saft.

6 Antworten to “Patriotismus, Populismus und Infantilismus”

  1. An der Rechtschreibung der größten Schreihälse sieht man doch, was für Menschen das sind. Ungebildet, mit Stammtischparolen aufgewachsen, vielleicht noch garniert mit ein wenig Pseudowissen. Schade, dass man SOLCHE nicht ausweisen kann.

    Zur Thematik: Das Stichwort ist Integration. Auch wenn hier in Deutschland mit der Integrationspolitik (man denke an das undifferenzierte, immer positiv betrachtete Mulit-Kulti-Gesäusel der 90er) einiges nicht ganz richtig läuft, gibt es doch für Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund genug Integrationsmöglichkeiten, die nur wahr genommen werden müssen. Wenn sie das tun, ist das wunderbar, dann heiß ich sie herzlich willkommen. Die sind, im Gegensatz zu solchen kleinen Parolenschreiern, eine Bereicherung für unser Land, die Gesellschaft und die Kultur.
    ABER: Wer sich nicht integrieren will, der soll auch mit notfalls harten Konsequenzen leben. Dieses Land steht allen Menschen offen und bietet nun wirklich genug Chancen… Aber wer die nicht nutzten möchte, kann/soll bitte gehen. Das ist der Nachteil bei Assi-Deutschen, die kann man nicht rausschmeißen wenn sie sich schlecht benehmen.
    Ansonsten kann man wirklich nur sagen, dass es, egal welcher Konfession, Nationalität oder Ethnie man angehört, es immer solche und solche gibt. Anhand von Einzelfällen zu pauschalisieren ist einfach nur dumm.

    Nochmal zu den Parolenschreiern, die regen mich nur auf: Da heißt das Stichwort Bildung. Denen müsste man zwangsweise Bildung einbleuen, solange bis es in ihre kahlrasierten Schädel eindringt und sie endlich begreifen, wie bescheuert sie doch sind.

    Im übrigen verurteile ich Radikalismus jeglicher Form und finde linke Parolenschreier genauso dumm wie rechte. Da gilt dann wieder das Stichwort Bildung… Man muss solche Menschen einfach dazu bringen, sich selbst eine differenzierte Meinung anhand von Fakten zu bilden.
    Und ich finds auch dumm, dass man, sobald man sich kritisch zum Themenkomplex Imigration und Integration, von einigen, eigentlich vielen Menschen, als Nazi oder ausländerfeindlich geschimpft wird. Man muss auch der Realität ins Auge blicken und einsehen, dass nicht alles Sommer, Sonne, Sonnenschein ist, sondern diese Themen auch Probleme mit sich wälzen, die die aktuelle Gesellschaft eher totschweigt oder mit abstrusen anderen Problemen ablenkt (Killerspiele, yay!).

    So long… Is das jetzt zu durcheinander?:P

  2. Nochmal kurz was zum Thema Integration: Wir haben eine christliche, abendländliche Kultur, und diese seit nun mehr als 1000 Jahren. Das sollten die Imigranten auch bedenken… Ich bin für alles neue offen und sehe Einwanderer aus anderen Kulturkreisen als Bereicherung, aber ich finde auch, dass es so etwas wie eine deutsche Leitkultur (nicht schlagen für das Wort *g*) geben sollte. Zumindest sollten sie unser Wertesystem anerkennen und in Deutschland auch danach leben. Damit spiele ich zb. auf die Ehrenmorde an, oder die Unterdrückung und Entrechtung der Frau in den eher fundamental-islamischen Kreisen in Deutschland. Auch da darf man nicht pauschalisieren, ist klar. Aber ich finde, wer hier lebt, muss sich an deutsche Gesetze und Wertevorstellungen halten, dass ist meiner Meinung nach einer der Schlüssel für eine gelungene Integration.
    Denn ich denke auch, dass ein Großteil derjenigen, die ein negatives Bild über Imigranten hat (von der normalen Bevölkerung, keine Faschos), dieses von den schwarzen Schafen haben, den Ghettoprolls und denjenigen, die “Ehren”morde begehen. Die positiven Dinge fallen daneben doch nicht auf- woran auch die Medien Schuld sind… Aber das ist ein andere Feld;)

  3. Mit der Leitkultur stimme ich absolut überein. Ich will das jetzt auch nicht zu sehr an der CDU festmachen (deren Leitkultur ist mir zu sehr rückwärtsgewandt und christlich, sorry!), aber es gibt einige Eckpunkte, über die kann man mit mir nicht diskutieren. “Ehren”morde und jegliche Form der Selbstjustiz – vergiss es; Zwangsehen und Unterdrückung der Frau – will ich nicht haben in Deutschland! Das sind einfach Eckpfeiler des deutschen Selbstverständnisses. Da darf man sich dann auch nicht rausreden mit Sprüchen wie “Die Anatolier sind halt sehr impulsiv…” – da muss hart durchgegriffen werden! Trotzdem bleib ich dabei: Nicht abschieben, sondern einkerkern.

  4. Tötsch Says:

    Verbrechen können nicht akzeptiert werden, auch wenn das die Werte von manchen Leuten verlangen, da wird einfach nicht diskutiert sondern vor Gericht gestellt, ganz leicht, und das bezieht sich auf alle, egal ob deutsch oder nicht, wer hier in Deutschland ist muss sich auch an das deutsche Gesetz halten.

    [@Caipi – Ergänzung d. Administrators]
    Zu dem mit den kahlrasierten Schädeln: Bitte korrigier dich da, ein kahlrasierter Schädel hat nichts mit solchen Sprüchen wie oben genannt zu tun, das ist genauso eine Bildungslücke, wie das manche Leute Ausländer für die Schuldigen für ihre Probleme sehen. Außerdem würde ich dagegen Wetten dass die Leute mit den Comments Glatzen haben, weil die meisten davon halt wie gesagt nicht mal die Radikalen sind.

  5. Ich weiß sehr wohl das nicht alle Glatzen Faschos sind und nicht alle Skinheads Nazis, ja dass die Rechten die Skinhead-Subkultur, die ihrer eigenen Ideologie eigentlich ziemlich fernliegt, zweckentfremdet haben.
    Also keine Sorge, ich war etwas aufgeregt und entschuldige mich für die irreführende Aussage;)

  6. Tötsch Says:

    Alles klar, nur das hier keine falschen Informationen weiter gegeben werden.
    Hab gerade schon wieder ne ARD Doku gesehen, bei der Nazis die einen jüdischen Friedhof zerstört haben als Skinheads bezeichnet wurden…

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