SPIEGEL-Leser wissen mehr – und von allem nur ein bisschen

Nachträgliche Änderungen kursiv. Letzte Änderung: 08.03.08, 00:15 Uhr

Letztens bin ich via SpiegelKritik auf einen Artikel gestoßen, der sich darüber beklagte, dass beim Spiegel anscheinend nur Windowsnutzer über Mac-Produkte schreiben. Dabei ist mir wieder eingefallen, wie ich 2005 im Rahmen der Recherchen zu meiner Facharbeit anfing, vom Glauben an die Kompetenz der Spiegel-Redakteure abzufallen.

Ich bin über einen Artikel in der Zeit darauf aufmerksam geworden, dass das Thema Waldsterben durchaus umstritten war (und ist). Das reizte mich und weil ich eh’ noch auf der Suche nach einem Facharbeitsthema war, habe ich mich dann für Waldsterben entschieden. Eigentlich wollte ich dann in der Facharbeit darstellen, wieso die Waldsterbenhysterie in den Achtzigern übertrieben war, ausgehend vom Zeit-Artikel.

Wie dem auch sei, auf jeden Fall holte ich mir auf der Suche nach Quellen auch das Spiegel-Dossier Waldsterben, immerhin 12 Artikel, darunter auch Säureregen – Da liegt was in der Luft, der Artikel, der das Waldsterben zu einer öffentlichen Diskussion werden ließ.

Zugegeben, es ist etwas blauäugig, den Spiegel für eine wissenschaftliche Arbeit heranzuziehen. Aber um solche Tatsachen zu lernen schreibt man schließlich eine Facharbeit. Letztendlich sind auch nur zwei Spiegel-Artikel in meine Facharbeit eingeflossen. Zum einen liegt es am an Laien orietierten Informationsgehalt, der natürlich nicht ausreichte, um die Schädigungen zu beschreiben, zum anderen, dass die politischen und gesellschaftlichen Folgen für eine Biologie-Facharbeit ziemlich irrelevant sind.

Aber trotzdem war ich von einigen Artikeln geschockt. Da war zum Einen, dass elf Artikel eindeutig die Position bezogen, dass das Waldsterben ein Problem sei, gegen das angegangen werden müsse – und ein Artikel, der eher den Tenor erkennen lässt, dass die Hysterie ausgemachter Humbug sei. Nun, dieser Artikel ist der letzte in der Reihe, die von 1981 bis 2001 reicht, aber es stellt sich schon die Frage, warum denn kein selbstkritisches Wort darüberällt, dass man selbst zur Hysterie beigetragen hatte. So ließ man zum Beispiel noch 1996 in einem Artikel durchblicken, dass eine geplante (und letztendlich nicht durchgeführte) Änderung der Messmethode für den Waldschadensbericht politisch motiviert sei, um die wahren Missstände zu verschleiern – eine Meinung, die nicht fachlich begründet sein kann, da die benutzte Methode lachhaft und unwissenschaftlich ist. Ob die Methode wirklich systematisch falsche Ergebnisse liefert, steht auf einem anderen Blatt, aber eine Revision ist trotzdem bitter nötig.

Darüber hinaus zieht der Spiegel keinerlei Konsequenzen aus seinen Rechercheergebnissen von 2001. 2004, als der Waldzustandsbericht der Bundesregierung die bis dahin schlechtesten Zahlen überhaupt verkündete, wird sich wieder hocherfreut auf die Schultern geklopft, da man selbst schließlich das Waldsterben entdeckt habe. Anscheinend war es drei Jahre vorher einfach opportun, wenn man den Öko-Wahn geißeln konnte. Anders ist mir dieser Ausreißer in der ansonsten sehr stringenten Berichterstattung zum Waldsterben nicht zu erklären. Dass beides meiner Meinung nach nicht das Gelbe vom Ei ist, steht noch einmal auf einem ganz anderen Blatt.

Auch andere Sachen kann ich bis heute noch nicht glauben. So war zum Beispiel die einzige weiterführende Quelle für einen anderen Artikel aus dem Jahr 2004 anscheinend ein Artikel, der 1994 erschien – ein Hinweis darauf, dass manche Zitate teilweise zehn Jahre oder gar älter waren fehlt. Somit wird suggeriert, dass es sich um Äußerungen zur aktuellen Situation handelt. Ich weiß gar nicht, was schlimmer ist – dass die “Recherche” für den Artikel lächerlich ist oder dass der Spiegel kein Problem damit hat, Leute hinters Licht zu führen, indem er in einem Thema, dass sehr emotional besetzt ist, die Zeit einfach stehen lässt und es nicht für nötig hält, sich bei den betreffenden Experten zu erkunden, ob die Situation noch immer die selbe ist.

Es gibt auch noch andere Sachen, die man dem Spiegel anlasten kann, die mir aber erst mit der Zeit auffielen; so fehlt zum Beispiel der kleine, aber wichtige Hinweis, dass ein Sterben in der Forstwirtschaft nicht bedeutet, dass ein Baum abstirbt – es bedeutet, dass er krank ist. Ich denke schon diese kleine Entschärfung des Begriffes (der übrigens in der Fachwelt nicht mehr länger benutzt wird, man spricht von neuartigen Waldschäden) hätte nie zu einer derartigen Hysterie führen können.

Seitdem bin ich jedenfalls Spiegel-geschädigt und schaue lieber dreimal hin, bevor ich dem Spiegel etwas abnehme. Und der Spiegel unternimmt nicht viel, um meine Vorbehalte zu entkräften. Egal, ob es die Übernahme von ehemaligen Bildarbeitern ist, der Genuss der meinungsbildenden Möglichkeiten, die der Spiegel hat oder auch nur die Klick-Geilheit von SpOn, die sich letztens wieder einmal mehr manifestierte, als ein schon durch die Quellen als unwichtig identifizierbarer Artikel über Ikea auch noch mit einem Diskussionsforum veredelt wurde, wo man dann darüber streiten durfte, ob Ikea denn seine Fußabtreter nach dänischen Städten benennen darf oder nicht.

In diesem Sinne: Der Spiegel kann vielleicht Anstöße geben, aber als Informationsquelle über Zusammenhänge kann ich ihn nicht mit gutem Gewissen empfehlen.

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7 Antworten to “SPIEGEL-Leser wissen mehr – und von allem nur ein bisschen”

  1. Ich glaube nicht, dass es irgendein Medium, irgendeine Publikation in Deutschland oder sonstwo auf der Welt gibt, die in – gleich welchen Themenfeldern – überall gleich gut ist.

  2. Nee, gibt es auch nicht – das Problem ist nur, dass man es sich immer wieder bewusst machen muss. Ich weiß es ja selber von mir, wie häufig ich mir meine Meinung bilde, weil ich einen Artikel gelesen habe. Aber das reicht eben nicht…

  3. […] Zuge seiner Facharbeit zum Thema “Waldsterben” ist “MuGo” auf ettliche Ungereimtheiten oder ihm unpässlich erscheinende Positionen im Spiegel […]

  4. NRj_66 Says:

    @Mugo
    Jetzt noch Phoenix und andere Spartensender schauen und du wirst mal richtig “allgemeinwissend”.

    Und wie klappts mit Mathe ??? Also umgekehrte Beweisführung solltest du schon “können”.

    Ich habe hier ca.23 Mathebücher aus der ehemaligen DDR.

    Die kann ich DIR empfehlen. Mathe für Ingenieure, Naturwissenschaftler, Ökonomen und LANDWIRTE.

    ISBN 3-322-00363-9 ect.

    Da sind auch Übungsaufgaben zum selberlernen drin.

  5. Na, rate mal, womit man in Dresden noch heute lehrt…

  6. @Mugo
    Mist, wollte DIR die schon günstig zum Kauf anbieten. Aber dann.
    Es gibt auch gute Chemie-Bücher aus der DDR, weil dort oft ein praktisches Beispiel aufgezeigt wird zu den “Formeln.

  7. Katharsis Says:

    Dass Verhalten, die kritische Kenntnisnahme sollte man als relevante Basis ansehen. Wenn man diese innere Haltung gebetsmühlenartig wiederholen muss, um zur selben Erkenntnis zu gelangen, stellt sich für mich die Frage in eine andere Richtung.

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